Retro-Roomtour

 

Minimalismus ist ein Prozess und nach außen hin sind vor allem die Veränderungen beim Thema Wohnen, Kleidung und Besitz sichtbar. Minimalismus geht für mich noch viel weiter und über den Tellerrand des Materiellen hinaus. Trotzdem ist es spannend, rückblickend zu sehen, wie sich die Dinge im Außen verändert haben. Nachdem ich kürzlich meine Minimalismus-Origin-Inspiration beim digitalen Ausmisten entdeckt hatte, kam mir eine Idee. Wäre es nicht spannend, zu sehen, wie sich meine Wohnung in den letzten fünf Jahren seit meinem Einzug hier ins Micro-Apartment entwickelt hat? Gedacht, getan. Heute gibt es also die halbwegs chronologische Rekonstruktion meiner Wohnung von 2020, kurz nach dem Einzug bis heute. 

 

 

 

Experiment Micro-Apartment

 

Zur Rekonstruktion: 2017 bin ich aus meinem Elternhaus ausgezogen. Das war nach Beendigung meines Studiums. Ich zog nach Lüdenscheid ins bergige Sauerland, weil ich dort mein praktisches Referendariat absolvierte und mir daher endlich meine eigenen vier Wände finanzieren konnte. Vor diesem Umzug habe ich mit dem Minimalisieren angefangen. Zunächst Bücher, da ich sehr viele davon angesammelt hatte und mir langsam dämmerte, dass diese Bücher alle von A nach B transportiert werden müssen, da ich mir ein Umzugsservice nicht hätte leisten können. Im Grunde fing damals alles an. Ich begann, mich mit der Flut der Dinge auseinanderzusetzen, damit der Umzug möglichst leicht ablaufen konnte. Ich wollte mit weniger Ballast in den neuen Lebensabschnitt starten und erstmal ankommen. 

 

Nach dem Referendariat zog ich zurück ins Ruhrgebiet. Leider hatte ich nicht die Zeit, in Ruhe nach einer Wohnung zu schauen, es wurde also erstmal eine Übergangswohnung, die zwar in Ordnung war, aber nichts für die Ewigkeit in dem Sinne. Für den gesamten Umzug arrangierte ich eine Umzugsfirma. Ich weiß noch wie ich schmunzeln musste, als die Dame am Telefon mir nicht abkaufte, dass ich unter 10 Kubikmeter Umzugsgut habe. Am Ende war es noch weniger und der Umzugsservice fiel entsprechend günstig aus, was mir sehr entgegen kam. Ich wohnte etwas über ein Jahr in meiner Übergangswohnung und minimalisierte auch dort weiter, sodass ich schlussendlich 2020 in meine aktuelle Wohnung umzog, die übrigens ein echter Glücksfund war - zentral, im Grünen und nahe an Wald- und Parklandschaften.

 

So startete das Experiment Micro-Apartment. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch weiter reduziert, sodass ich mit Hilfe eines Einkaufstrollis und dem kleinen PKW eines Freundes umziehen konnte. Eine Fahrt reichte und mein ganzer Besitz war von A nach B transportiert. Ein wenig hier und da gerückt, eingeräumt, zurechtgelegt und alles war bereits nach ungefähr zwei Stunden erstmal an Ort und Stelle. Vieles war natürlich noch unfertig, aber das war für mich kein Problem. Im Gegenteil: Unfertiges und Leere haben ihren ganz eigenen Charme. Kurz nach dem Einzug in 2020 sah es dann so aus: 

 

 

 

 

Neue Bedürfnisse

 

Im Laufe der Zeit veränderten sich natürlich einige Bedürfnisse und ich probierte ein paar neue Sachen aus. Die Position des Bettes änderte sich ein paar Mal und ich trennte mich von meinem Esstisch mit den dazugehörigen Stühlen. Ich sitze einfach nicht gerne auf Stühlen, sondern viel lieber auf einem Sitzkissen im Schneidersitz oder mit ausgestreckten Beinen. Im Allgemeinen experimentierte ich ein wenig mit Möbelfreiheit und bodennahem Sitzen herum. Meine Matatze hatte ich vorher schon einige Jahre auf dem Boden liegen, insofern war das keine Neuerung für mich. Das Thema „Dinge für andere besitzen“ im Sinne sozialer Konventionen kam aber umso mehr auf – ist es unsozial, wenn man Gästen keinen Stuhl anbieten kann? Oder ist es lediglich kulturelle Konditionierung und Gewohnheit?

 

Meine Kleidung hatte ich in meiner Übergangswohnung noch in einer kleinen Kommode verstaut. Da ich hier in der neuen Wohnung eine Einbauküche habe, hatte ich die Kommode vor dem Umzug verkauft und darauf gepokert, dass ich mit ein oder zwei Schubladen in der Küche auskommen könnte. Dem war auch so. In 2021 habe ich auch zum ersten Mal eine Inventur gemacht, weil ich mir gerne einen Überblick darüber verschaffen wollte, was insgesamt alles da ist und in welcher Menge. So sah es dann in der Zeitspanne von 2021 bis 2022 aus:

 

 

 

 

Andere Farben

 

2022 erlebte ich einen persönlichen Tiefpunkt und habe mir Veränderung gewünscht. Das hat sich auch innerhalb meiner vier Wände gezeigt. Ich hatte vor allem das Bedürfnis, meiner Einrichtung noch mehr Einheitlichkeit zu verleihen, auch farblich. Demnach gab es ein paar neue Dinge, die alte und ausgediente Dinge abgelöst haben. Die Anzahl der Dinge hat sich nicht wirklich verändert, wohl aber ihre Anordnung und das allgemeine Raumkonzept.

 

Da meine Klappmatratze auch zunehmend durchgelegen war und an den Nähten kaputt ging, musste ich mich auch betttechnisch neu aufstellen. Ich stieg erst einmal auf einen Futon um, der sich aber leider nach einiger Zeit der Nutzung als absoluter Fehlkauf herausstellte. Ich hatte das Glück, dass ich ihn für einen guten Preis verkaufen konnte. Nach einiger Recherche entschied ich mich dann für ein Schlafsofa. Das Schlafsofa fiel günstiger aus, da es sich um B-Ware handelte. Gleichzeitig hatte ich somit weniger ein Thema damit, falls es sich als Fehlkauf herausstellen sollte. Mir gefiel der Gedanke von Multifunktionalität und ich nutzte das Schlafsofa eine ganze Zeit lang. Nachts zum Schlafen, tagsüber zum Sitzen, Liegen, Entspannen.

 

Leider fing dieses Möbelstück irgendwann an, bei jeder Drehung im Schlaf unerträglich zu knarzen. Beheben konnte ich dieses Problem nicht. Schlussendlich zog also wieder eine Klappmatratze bei mir ein, diesmal eine der hochwertigeren Sorte. Diese Matratze zog nach 2023 bei mir ein und ich nutze sie bis heute noch, natürlich wieder auf dem Boden - was soll ich sagen, ich mag es einfach. Nach den besagten Veränderungen sah es 2023 dann aber erstmal so aus:

 

 

 

 

Feng-Shui und die Wende

 

Ich interessiere mich für die Wirkung von Raum, Farben und Feng-Shui. Minimalismus ist für mich nicht nur funktional, sondern auch eine Frage der Ästhetik und der visuellen Stille. Im Feng-Shui ist jedem Element eine Farbe zugeordnet. Als ich davon las, dass der Bereich des Element Wasser mit schwarzen Farben korreliert, war ich neugierig. Ich mag schwarz und hatte auch in meinem frühen Jugendzimmer dunkle, schwarz-violette Wände. Nun bin ich aber auch kein Fan davon, alles wegzugeben, nur um es dann in einheitlicher Farbe neu zu kaufen. Das hat einfach nicht viel mit bewusstem Konsum zu tun. Daher ersetzte ich nach und nach ausgediente Gegenstände durch schwarze Vertreter. Und ich stellte schnell fest: Schwarz wirkt auf mich beruhigend, erdend und irgendwie sehr klar.

 

Ich startete in 2024 parallel nochmal eine große Aktion. Dabei habe ich auch meinen Besitz nochmal deutlich reduziert, viele Dinge verschenkt oder verkauft. Ein paar Gegenständen wurde dank tatkräftiger Unterstützung ein neuer Farbanstrich verpasst - das geht zum Glück bei hochwertigen Naturmaterialien und erspart das Neu-Kaufen. Die ganze Aktion - letzte Schliffe beim Umgestalten und Ausmisten -  war eine richtige Wende und es fühlte sich so an, als würde ich zum ersten Mal das umsetzen, was mir wirklich entspricht räumlich, fern ab von gesellschaftlichen Erwartungen oder konventionellen Einrichtungsstilen, sozial erwarteten Sitzmöbeln oder Farben, die „gar nicht gehen“. Ich wollte es klar, puristisch, konturiert und einfach.

 

Alles nur noch in schwarz zu gestalten, war für mich in vielerlei Hinsichten ein echter Gamechanger. Das gleiche Vorgehen wendete ich übrigens auch bei meiner Kleidung an – ich kaufte neue Kleidung weitgehend nur noch in schwarz nach. Das minimiert Entscheidungen im Alltag und spart Zeit und Kapazität. Das Ergebnis ist für mich mehr als zufriedenstellend: 

 

 

Ich war noch nie so zufrieden mit meiner Wohnung. Ich fühle mich sehr wohl und jedes Mal, wenn ich hereinkomme, atme ich auf. Meine Wohnung ist für mich ein Refugium, ein geschützter Ort der visuellen Stille in einer Welt voller Lärm, Kram, Hektik und Stress. Ein Ort, an dem ich nicht funktionieren muss, nichts leisten oder tun muss. Ein Ort, an dem ich entspannen, reflektieren und kreativ arbeiten kann, ohne vom Gewimmel der Außenwelt abgelenkt zu werden. Eine solche Wirkung hat sonst nur die unberührte Natur auf mich.

 

Im Alltag und in meinem sozialen Umfeld begegnet mir auch heute noch oft die Frage, wie es mit so wenig Dingen und in einer so "kahlen" Umgebung gehen kann. Für mich ist das nicht kahl, kalt oder sonst wie unterkühlt - für mich ist das Klarheit. Weniger Dinge, weniger Entscheidungen. Ich brauche den konsumorientieren Wohnstandard nicht und lege Wert auf wenige, dafür hochwertigere Dinge, die noch dazu eine längere Lebensdauer haben. Ich verzichte freiwillig auf materielle Statussymbole und treffe Entscheidungen im Sinne meiner eigenen Bedürfnisse.

 

Und ja, auch eine große Bücherwand kann ein Statussymbol sein, die smarte Mega-Küche oder der vier Meter breite Kleiderschrank, der trotzdem nichts zum Anziehen bietet. Ich mag es klar und übersichtlich. Ich lebe mit weniger, dafür besser und habe mehr Zeit für die wichtigen Erfahrungen. Wie wohnt ihr aktuell, verändert ihr gerade etwas? Teilt gerne eure Erfahrungen.