Schluss mit schnell

 

Wir leben in einer gesellschaftlichen Struktur, in welcher die Wirtschaft regiert und der Fluss des Geldes hin zu den Global Playern zu einer Aufwärtsspirale geführt hat, aus der es keinen Ausweg gibt. Die Wirtschaft am Laufen halten? Durch Konsum. Durch das Erzeugen künstlicher Bedürfnisse, deren Erfüllung die Menschen (an)treibt.

Das Hamsterrad, das dabei entsteht, dürfte vielen unter uns bekannt sein: Was heute gerade noch gut genug ist, reicht schon morgen nicht mehr aus. Das neue Handy ist morgen schon überholt, die modernste Software übermorgen schon gehackt und das schicke Auto im Folgejahr schon altmodisch. Die kollektive Reaktion auf dieses Phänomen ist ebenfalls bekannt: Höher, schneller, weiter. Die Konsumspirale schraubt sich aufwärts. Immer mehr Geld, Status und Sicherheit wird generiert, um noch mehr Geld, Status und Sicherheit zu erzeugen. Damit steigt auch die Angst vor dem etwaigen Verlust der Güter.

Der Teufelskreislauf erfordert immer mehr Zeit, Energie und Investition auf allen Ebenen. Mehr Arbeit in immer kürzeren Zeitintervallen wird nötig, um mehr Geld in kürzerer Zeit zu generieren. Immer hochfrequenter muss konsumiert werden, um das Status-Level zu halten. Immer größer wird das Bedürfnis, noch erfolgreicher, noch besser, noch herausragender, noch mächtiger zu werden. Die Dauerschleife hat einen Namen: Die hedonistische Tretmühle oder wissenschaftlicher ausgedrückt:


Hedonistische Adaptation

Sie beschreibt das Phänomen eines Gewöhnungseffekts, ähnlich wie im Sucht-Kontext. Wir gewöhnen uns folglich an positive sowie negative Umstände, wenn genug Zeit vergeht. So kommt es, dass wir uns immer wieder an den neu erwirtschafteten Zustand gewöhnen und folglich nach mehr streben müssen, um unsere erlebte Zufriedenheit wieder zu steigern und spürbar werden zu lassen.

Die hedonistische Tretmühle hat zur Folge, dass wir nie zufrieden sind. Hinzu kommt der soziale Vergleich: Wir halten andere Menschen oftmals für zufriedener als uns selbst. In dieser Folge streben wir ein höheres Level an Zufriedenheit an. Nicht zuletzt auch, weil wir in unseren eigenen Selbstwert-Konflikt verstrickt sind, der uns dazu (an)treibt, besser, glücklicher und erfolgreicher als andere Menschen zu sein.

Der Tretmühlen-Effekt ist deshalb so vergeblich, weil wir immer mehr dafür tun müssen, um das gleiche Level an erlebter Zufriedenheit zu (er)halten. Hierin liegt die eigentliche Tragödie des ego-gesteuerten Konsums: Wir werden auf Dauer nicht zufriedener oder gar erfüllter. Wir werden langfristig immer unzufriedener. Und nicht zuletzt brennen wir aus. Wir verlieren den Sinn für Wertigkeit und Dankbarkeit gegenüber dem, was bereits Teil unseres Lebens ist. Unsere Erwartungen steigen, weil der Gewöhnungseffekt einsetzt.

Das Unterfangen gleicht einer traumartigen Szene aus Alice im Wunderland: Je schneller wir auf die Tür zulaufen, die wir so gerne durchschreiten möchten – hinein in den schönen Garten – desto schneller entfernt sie sich von uns, bis sie unendlich weit weg zu sein scheint und letztendlich unerreichbar für uns wird.


Aussteigen aus der Tretmühle

Die hedonistische Adaptation ist tückisch, weil wir ihr immer wieder anheimfallen, manchmal ohne es direkt zu spüren. Aber da ist diese nagende Unzufriedenheit, die immer wieder anklopft und einfach nicht verschwinden will. Da helfen auch das neuste Smartphone und die Designer-Handtasche nichts. Auch die eiserne Disziplin bei der neuen Diät oder die teuersten Fingernägel führen nicht aus der Tretmühle heraus. Wir verlieren uns beim Griff nach den Dingen, die uns Glück versprechen. Was also tun?

Zunächst darf man sich die Frage stellen, woran man merkt, dass man unzufrieden ist. Weshalb wir unzufrieden sind, können wir meist schnell beantworten: Die lauten Nachbarn, das kleine Gehalt, der miese Job, mangelnde Freizeit, der unerfüllte Wunsch nach etwas. Und so weiter. Die Frage ist viel eher, wie sich das Gefühl der Unzufriedenheit ausdrückt.

Der Schlüssel liegt darin, die Tretmühle zu erkennen und einzusehen, dass ich das Rad am Laufen halte, indem ich die Leiter des Schein-Glücks erklimme. Die Leiter ist ein Rad. Wenn ich den Mechanismus erkenne, der mich dazu (an)treibt, die Tretmühle am Laufen zu halten, kann ich ihn stoppen.

Im nächsten Schritt kannst du dich in einem Gedankenexperiment selbst fragen, wann es genug wäre: Was müsste passieren oder sein, was müsstest du haben oder schaffen, um endlich glücklich zu sein? Denke bis zum Ende. Vielleicht wirst du feststellen, dass es kein Ende gibt und dass die Spirale sich immer weiter hochschrauben wird. Eine Weisheit aus dem Zen, die mich noch immer sehr inspiriert und die mich immer wieder meiner eigenen Tretmühle gewahr werden lässt, lautet:


Es gibt nichts zu erreichen.

Zugegeben, die Weisheit liest sich auf den ersten Blick sehr abstrakt und passt so gar nicht in unser westliches Wirtschaftsdenken. Vielmehr mutet sie schon fast grotesk an. „Nur faule Socken erreichen nichts“ und überhaupt „ohne Disziplin kein Erfolg“ und „wir müssen schließlich etwas aus uns machen“. Viele dieser Glaubenssätze, die die westliche Kultur prägt, sind im Grunde nichts weiter als Rechtfertigungs-Mechanismen der hedonistischen Tretmühle. Sie bringen dich nicht weiter. Zumindest nicht langfristig.


Schluss mit schnell.
Wofür bist du heute dankbar?

 

 

Kommentare: 2
  • #2

    Thorsten (Sonntag, 10 April 2022 13:43)

    Unzufriedenheit passiert auch durch die sich ändernde Welt : PC und Handy werden immer langsamer, weil die Software immer mehr Rechenleistung und Speicher verlangt. Ein Neukauf unausweichlich vor Ende der Lebensdauer des Geräts. Ohne Updates keine Sicherheit und Funktionen gehen nicht mehr.

  • #1

    Walter (Sonntag, 27 März 2022 19:54)

    Trotz Streiterei am Beginn des Tages die warme Sonne, den lauen Wind, die schöne Aussicht und das Vogelgezwitscher genießen zu können. �