Finanzielle Freiheit

 

Ein Gespinst geht um. Gestatten:

Der heilige Gral unter den holografischen Versionen des perfekten Lebens: Die finanzielle Freiheit. Nie wieder arbeiten, passives Einkommen generieren, Aktien arbeiten lassen und das alles am Strand liegend mit einem fruchtigen Cocktail in der freien Hand. Es ist ganz einfach, wie viele selbsternannte Coaches im world wide web zeigen: „Auf welche Frage bist du die Antwort?“, motivieren sie und leben scheinbar vor, wie einfach es doch ist, selbstständig, frei und wohlhabend zu sein.

„Du musst es nur glauben können!“, wird nachgelegt, wenn es mal nicht klappt, „Es klappt nicht, weil du es nicht glauben kannst! Es liegt allein an dir!“ Das Konzept der sich selbst erfüllenden Prophezeiung missbrauchend, wird fleißig gestreut, das höchste Gut sei die finanzielle Freiheit vom tückischen Sklavensystem der modernen Zivilisation. Wer dabei das meiste Geld verdient? Haha. Du weißt schon.

Wer zahlt freiwillig? Wie immer, wenn es um Marketing geht: Unzufriedene, verunsicherte Menschen, die ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen möchten und sich lieber auf wohlklingende Motivationssprüche oder Heilsversprechen verlassen wollen. Chakka! Jeder kann es schaffen! Stopp, da muss ich einhaken. Chancengleichheit ist eine Illusion.

Das trifft hart, ja. Aber es ist die Realität. Wir sind nicht alle dazu hier, um finanziell frei zu sein und als Motivationscoach passiv Einkommen zu generieren. Geld kann nur von A nach B fließen. Das allein macht es unmöglich und hebelt das Versprechen, jede Person könne es schaffen, vollständig aus. Klappe zu, Affe tot!


Psychologische Demontage der Finanziellen Freiheit

Genug des Aufregens. Was steckt eigentlich dahinter, finanziell „frei“ sein zu wollen? Gut, holen wir ein wenig aus. Homo Sapiens zählt zu den sozialen Tieren, den Säugetieren, denen ein ausgeprägter sozialer Spieltrieb innewohnt. Er strebt nach Lust, Freude, Gemütlichkeit und Konstanz. Schmerz vermeidet er und allzu große Energieanstrengungen auch. Das ist klug und gut so. Energie ist kostbar und sie zu verschwenden wäre nur dumm. Veränderungen mag er nur, wenn sie absehbare Vorteile versprechen.

Zeit haben, spielen, lachen, leben. Welches Lebensmodell wäre da besser geeignet als das der finanziellen Freiheit? Nur noch Spaß haben, Urlaub machen, die Seele baumeln lassen, nie wieder Ärger mit den Vorgesetzten und kein Wecker in der Frühe. Viel Geld UND viel Freizeit. Lebenslänglich Ferien, juchei! Unabhängig sein, umhertoben, chillen, wann immer es das Herz begehrt. Keine Arbeit, keine Verantwortung. Merkt ihr was?

Wessen Leben beschreibe ich hier? Ganz klar. Das Leben eines schutzbefohlenen Kindes. Schau, das Problem mit dem Erwachsenwerden spiegelt sich in vielerlei Aspekten unseres Lebens. Wartest du auch auf den holden Ritter oder die schöne Maid auf dem prächtigen Ross? Auf den Retter in dunkler Nacht? Auf die Zauberin, die drei Wünsche erfüllt und alle Probleme auflöst? Suchst du auch noch nach einer Wunderlampe, um dir endlich alle deine Probleme vom Hals zu schaffen? Wünschst du dir auch, Peter Pan zu sein?

Die Aufrechterhaltung unserer Existenzgrundlage ist die wichtigste und zugleich herausforderndste Aufgabe in unserem Leben. Wir spüren die Abhängigkeit: Wärme, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Werkzeuge und Kleidung. Wir können nicht ohne. Was wir brauchen, können wir verlieren. Ungleich, wodurch uns unsere Grundlage genommen wird: Das C.-Problem, das Wasser oder andere Herausforderungen. Und dann leiden wir.

Die Lösung: Freiheit! Wenn ich von nichts mehr abhängig bin, kann ich auch nichts mehr verlieren. Also werde ich finanziell frei und bin gerettet! Ganz einfach oder? Mache dir klar, dass hier ein falscher Freiheitsbegriff im Spiel ist.


Frieden mit der Arbeit machen

Man verzeihe mir meinen leichten Zynismus, denn dies ist ein ernstes Thema. Beim Versuch, uns aus der Verantwortung des Lebens zu ziehen, sabotieren wir uns nicht nur selbst. Wir verleugnen die Existenz der Büchse der Pandora, finden aber dennoch keinen Frieden. Was sollen wir nur tun?

Ich sage dir was: Anstatt „finanziell frei“ zu werden, mach lieber Frieden mit deiner Arbeit. Ich meine, frage dich einmal, was „Arbeit“ für dich überhaupt bedeutet. Arbeit ist negativ besetzt. Kein Wunder. Das mittelhochdeutsche arebeit bedeutet Beschwernis, Leiden und Mühe. Was eine Katastrophe. Und scheinbar steckt das ganz tief in uns drin. Denn was war das nochmal, was Homo Sapiens am liebsten vermeidet? Klar! Schmerz und Leid. Was für ein Zufall. Dann lasst uns finanziell frei werden...

Okay, back on track. Frage dich, wie du Arbeit definieren möchtest. Ich verstehe Arbeit als schöpferische, produktive und gemeinschaftliche Tätigkeit. Man erledigt Aufgaben, die erledigt werden wollen, optimiert diese durch eigene Ideen und erlebt sich als Teil der sozialen Gemeinschaft. Im Idealfall arbeitet man in seinem persönlichen Talentbereich und ist maximal befriedigt durch das eigene Tun.

Vielleicht stimmt deine Arbeit nicht für dich. Dann darfst du dich auf die Suche begeben, nach der für dich gut geeigneten Tätigkeit. Und selbst wenn alles seine Zeit braucht und dir dein Job aktuell nicht schmeckt, mach Frieden damit. Akzeptiere die Situation und übernimm die Verantwortung dafür. Mir ist bewusst: Selbst wenn ich reich bis zum Anschlag wäre, würde ich gerne und freiwillig einer zu mir passenden Tätigkeit nachgehen wollen. Sinnhaftes Tun und Arbeiten mit anderen Menschen zusammen machen mir Freude.

Anstatt finanzieller Freiheit, streb‘ doch einfach mal finanziellen Frieden an.
Welche Erfahrungen machst du?

 

 

Kommentare: 7
  • #7

    Thorsten (Mittwoch, 28 Juli 2021 09:03)

    Konto überziehen wäre schrecklich. Das wäre ja ein Beweis, dass ich nicht haushalten kann. Ein kleiner Sockelbetrag sollte da sein, damit auch der letzte Einkauf im Monat gedeckt ist. Leerer Kühlschrank geht für mich gar nicht.

  • #6

    Aura (Montag, 26 Juli 2021 11:46)

    Liebe Gabi, geht mir auch so. Als ich noch Vollzeit als Lehrerin gearbeitet habe, hatte ich zwar eine hohe Sparrate im Vergleich zu vielen anderen, aber es hätte dennoch nicht funktioniert. Es hätte sogar Nachteile gehabt, da ich mit einer vollen Stelle in meinem Job unter den gegebenen Arbeitsbedingungen sehr unzufrieden und auch krank geworden wäre. Entscheidend sind hier wirklich die Arbeitsbedingungen und weniger die Stunden an sich. Von daher ist die Teilzeit-Lösung für mich derzeit die beste, wie bei dir.

    Thorsten, das mit dem Geldausgeben sehe ich auch total häufig. Ich frage mich manchmal wirklich woher die Leute das Geld nehmen. Wahrscheinlich wird viel verprasst und es bleibt demnach auch nicht viel übrig. Ein wenig was abschneiden möchte ich mir von denen dennoch, da ich schon sehr verhalten mit Geld umgehe, dadurch, dass ich mich schnell bedroht fühle durch etwaige Kontorückstände.

  • #5

    Thorsten (Samstag, 24 Juli 2021 14:25)

    Arbeit kann einem zeitweise oder länger Spaß machen, war bei mir auch so. Mit dem Alter verschieben sich die Prioritäten tendenziell, es sei denn man hat einen Arbeitsplatz , bei dem Berufung und Beruf zusammenfallen U dvman hat so st keine Interessen, die Zeit erfordern. Und dann muss das Geld ja auch noch im Job stimmen. Das halte ich für noch illusorischer als eine teilweise finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. 10.000€ in Aktien oder ETF reichen um lebenslang Telefon und Internet umsonst zu haben, ohne Kapitalverzehr. 3% bis 5% Rendite sind bei Aktien pro Jahr an Ausschüttung drin. Die Leute konsumieren lieber. Der Mittelstand kann 10.000€ ansparen und tut es auch. Wenn sie es nur nicht in zu großen Immobilien, Fernreisen, Mode oder Autos oder auf ständigen Besuchen in Events/Restaurants verballermannern. Und dann kommt das Gejammer es wäre alles so teuer. Ja, wenn man nicht minimalistisch lebt und Geld ausgibt als gäbe es kein morgen.

  • #4

    Gabi (Samstag, 24 Juli 2021 14:01)

    Mir geht und ging es auch immer so: Ich habe nie so viel verdient, dass ich hätte frühzeitiger aufhören können. Ich hätte dann bis kurz vor der offiziellen Rente Vollzeit arbeiten und gleichzeitig dabei auf ALG2-Niveau leben müssen. Aber Teilzeit geht und das genieße ich.

  • #3

    Aura (Samstag, 24 Juli 2021 13:43)

    Hallo Thorsten,

    das Arbeitssystem wie es gegenwärtig so läuft, empfinde ich als Graus. Daher ist es für mich so wichtig, mit anderen Menschen zusammen Ideen zu erarbeiten wie das alles anders laufen könnte. Die Mühlen mahlen langsam. Wenn mein Grundeinkommen gedeckt wäre, dann würde ich anders arbeiten als aktuell. Ist es aber leider nicht. Daher bestehen gewisse Abhängigkeiten einfach. Das würde sich nicht durch eine Selbstständigkeit ändern. Eine Zeit lang strebte ich Selbstständigkeit an, tue es aktuell aus verschiedenen Gründen aber nicht mehr. Vielleicht ändert sich das nochmal.

    Wenn man sehr viel verdient und früh unabhängig von Erwerbstätigkeit ist, dann ist das ne super Sache, weil man dann ganz anders arbeiten und Zeit investieren kann. So viel verdiene ich nicht. Mir ist es wichtiger, weniger arbeiten zu können für entsprechend weniger Gehalt. Die Zeit und die Stressreduktion ist mir da wichtiger als früh mit nem Haufen Geld in pension zu gehen (falls der Staat mich überhaupt lassen würde, ist nämlich nicht so leicht).

    Vielleicht mache ich irgendwann nochmal was ganz anderes, wer weiß. Wenn die Arbeit stimmt, will man sie auch nicht loswerden. Das ist ganz simpel und doch nicht ganz einfach in der Umsetzung. Für mich allerdings der einzig logische Weg, wenn ich nicht mein Leben lang "kämpfen" und in den Widerstand gehen will.

    Mal schauen, was die nächsten Jahre bringen.

  • #2

    Thorsten (Freitag, 23 Juli 2021 23:07)

    Hm, da schwingt die protestantische Arbeitsethik mit, die dem Menschen nur Glück und Sinn erlaubt , wenn er sinnvoll tut. Da haben es die Katholiken leichter. Durch Sprsamkeit und Fleiß hat man keine Beschleunigung fürs Paradies.

    Dass es auch anders gesehen könnte, dafür gibt es Jahrtausend alte Philosophien. Wenn man nur am Ende nicht in einer Tonne, im Wald , im Ausland oder unter der Brücke endet.

    Ich für meinen Teil habe Arbeit schon vor dem ersten Arbeitstag als Zeitverschwendung vermutet und es hat sich über die Jahrzehnte trotz regelmäßiger Neubewertung so deutlich gezeigt, dass ich irgendwann damit aufgehört habe, mit dem Angestellten- und später Selbstständigendarsein.
    Freiheit ist, sich nicht von anderen auf Zeit und Leistung festlegen zu lassen und ihnen für Geld die eigene Lebenszeit zu verkaufen.
    Also benötigt man Arbeitsreduktion oder man muss früher aufhören, was praktisch nur durch finanzielle Freiheit erreichbar ist. In frühen Jahren reinhauen, in späteren Jahren vom Zinseszins profitieren. Der Aktienkurs ist egal, es gibt genügend Dividenden.

    Mein Tag ist durch Familie, Tiere, Garten, Hobbies so ausgefüllt, dass ich keine Zeit mehr dafür verschwenden möchte für Fremde auf Pfiff irgendwas zu tun und etwas von meiner endlichen Zeit zu verkaufen.

    Beste Entscheidung ever.

  • #1

    Gabi (Freitag, 23 Juli 2021 20:15)

    Vielleicht war ja auch im Schlaraffenland kein Zimmer mehr frei …

    Ich habe mich immer schon gefragt, was das für Jobs sind, wo man sich bereits im Studium(!) anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sich möglichst schnell - mit Hilfe der sog. finanziellen Freiheit - wieder davon verabschiedet. - Und wenn dann nicht nur das Wasser unaufhaltsam durch unsere Häuser und Straßen rauscht, sondern der Aktienmarkt doch mal längerfristig in den Keller - genau dann, wenn man mal dringend etwas mehr Geld braucht - oder viel dringlicher mal jemand anderes?