Invasion

 

41,5°C und mehr im Schatten.

 

Ich denke es war kaum zu „überfühlen“, dass wir alle im Zentrum einer unangenehm stabilen Omega Wetterlage gebrutzelt haben. Überraschen tut das im Grunde nicht, aber Fühlen ist ja bekanntlich wirkungsvoller als reines Wissen. Und nicht nur wir haben geglüht: Die Nachrichtenreports waren voll von Mitteilungen über verzogene Bahnschienen und Weichen, Blow-Ups und glühenden, versiegelten Städten.

 

Haben wir sie falsch gestellt, die Weichen? Normaler Sommer oder doch spürbare Konsequenz der menschengemachten klimatischen Veränderungen? Die Analysen diesbezüglich sind deutlich. Klimaveränderungen finden immer statt, durch den Menschen und seiner Lebensweise werden sie jedoch drastisch beschleunigt.

Deutschland wird, dem Expertenrat für Klimafragen zufolge, seine Klimaziele bis zum Jahr 2030 verfehlen. Die Städte heizen sich weiter auf, viele Kreuzfahrtschiffe werden immer noch mit Schweröl angetrieben, die Rechenzentren zum Betreiben von künstlicher Intelligenz könnten bis 2030 einen Wasserverbrauch erreichen, den normalerweise 1,3 Milliarden Menschen haben. Von Massentierhaltung möchte ich hier gar nicht erst sprechen. Und es gäbe noch so viele weitere Beispiele, die ich hier aufzählen könnte. Ich denke, es liegt auf der Hand, um was es geht. Und es geht weiter, schneller und exponentieller, wie auch eindrucksvoll die „Climate Spiral“ der NASA aufzeigt. 

Der wohl größte Störfaktor ergibt sich durch die Tatsache, dass wir sehr genau wissen, dass wir auch umlenken könnten. Während des COVID-19-Lockdowns ließ sich mehr als einmal beobachten, wie unsere lebendige Umwelt auf die „Anthropause“ reagiert. Ich möchte sagen: Es gleicht einer Invasion. Ist der Mensch die einzige Spezies, die ihre eigene Lebensgrundlage zerstört? Im Rausch gefangen, sich über die Natur zu erheben, die sie braucht, um langfristig zu überleben?

 

Wann ist mit klimatisch bedingten Migrationen zu rechnen, wenn aufgrund von Wüstenbildung und ansteigenden Temperaturen große Teile der Erde unbewohnbar werden ohne die entsprechende Technologie? Was ist mit der Schuldfrage und ist sie überhaupt zielführend? Wir alle sind schließlich Teil des Problems. Niemand ist perfekt. Auch ich konsumiere, greife auf Technologien und Internet zu, nutze ÖPNV, Luftverkehr und Mitfahrgelegenheiten. 

Es gibt mehr Fragen als Antworten. Wollen wir höher, schneller, weiter? Oder können wir Alternativen finden – jeder einzelne. Denn wir sind auch Teil der Lösung: Häufiger mal nicht mitmachen, häufiger mal zurückstecken, selbst denken, selbst machen, lokaler denken. Weniger – dafür besser, ausgewählter und bewusster. Damit das Leben auch in zwanzig bis dreißig Jahren noch lebenswert ist.

 

 

Was wir konsumieren, bejahen wir. Nur Nicht- und bewusster Konsum sind an vielen Stellen unsere einzige wirksame Stimme gegen das Höher-Schneller-Weiter. Du entscheidest jeden Tag neu. Was brauchst du, um zufrieden zu sein? Vielleicht ist es weniger, als du angenommen hast. 

Letztendlich sind auch wir nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt, ein Sandkorn im Getriebe der Zeit, ein kurzes Flackern im unendlich weiten Raum. Wir sind gekommen und so wie wir gekommen sind, werden wir irgendwann wieder verschwinden. Ob leise oder laut, ob arm oder reicht. Das letzte Hemd hat keine Taschen.

 

Teilt gerne eure Gedanken zum Thema. Und bis dahin:

 

„Relax, it’s still just the loading screen.“

– Ramin Nazer