Unfertig

 

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, doch als perfektionistischer Mensch habe ich sehr häufig das Bedürfnis, dass Dinge und Prozesse möglichst „abgeschlossen“, „vollkommen“ und „fertig“ sein müssen. Das ist auch der Grund, wieso mein elektronisches Postfach stets leer und abgearbeitet, mein Geschirr stets gespült und die Wohnung immer aufgeräumt sind. Offene Prozesse kosten mich auf eine immaterielle Art und Weise Energie und Kraft. Deshalb notiere ich alle Termine und Aufgaben, die in der Zukunft stattfinden, damit ich sie aus meinem „gehirn-internen“ Arbeitsspeicher herausstreichen kann.

Obgleich es beim minimalistischen Lebensstil lange nicht nur um materielle Aspekte geht, ist es doch ein wichtiges Thema: Wohnen. Und wie auch eigentlich alles andere im Leben ist dies gewissermaßen ein Prozess, der vielleicht niemals ganz abgeschlossen ist. Man entwickelt sich weiter, neue Bedürfnisse entstehen während alte gehen, die Interessen verändern sich vielleicht und damit auch die Art des Wohnens, die man bevorzugt.

Das „Unfertige“ gehört dazu. Minimalismus setzt sich auch nicht von heute auf morgen um. Mit dem Minimalisieren habe ich vor ungefähr vier Jahren angefangen und seither hat sich vieles verändert. „Fertig“ bin ich jedoch nicht und werde es niemals sein. Und das zeigt sich auch materiell in vielen Aspekten: Anstatt mich mit Möbeln vollzustellen, lasse ich gewisse Bereiche meiner Wohnung einfach „erstmal“ frei. Vielleicht bleiben sie frei, vielleicht nicht. Anstelle neu gekaufter oder ausgedruckter Bilder, lasse ich den Rahmen einfach mal ohne Bild hängen.

 

Ich lasse mir Zeit, damit neue Ideen einfach ganz von selbst kommen. Früher gewann ich durch das Anschauen von Möbelhaus-Katalogen oft den Eindruck, dass ich ständig alles neu und unbedingt passend zueinander anschaffen muss, damit alles ein stimmiges Bild abgibt. Was ich verfolgte war eine Einrichtung wie aus dem Katalog. Aber das war dann letztendlich doch nicht das, was mich zufrieden gestellt hat.

Bereiche meiner Wohnung bewusst „unfertig“ sein zu lassen, schenkt mir eine große Freiheit und nimmt den Druck zum Aktionismus oder Kaufzwang nach dem Motto „die Ecke ist so leer, ich muss JETZT und UNBEDINGT etwas kaufen, um sie zu füllen“. Die Ecke darf leer bleiben. Die Wand darf weiß bleiben, der Bilderrahmen leer. Und so weiter.

Wie viele Dinge schaffen wir nur deshalb an, damit etwas „jetzt sofort“ fertig wird und „vollständig“? Wie gelassen können wir den Zustand des „Unfertigen“ und „Unperfekten“ ertragen? Wie sehr macht uns der „Horror Vacui“ zu schaffen?

Wie sehr schätzt du „materielle Leere“ und visuelle Stille?

 

 

Kommentare: 3
  • #3

    Thorsten (Samstag, 30 Januar 2021 22:58)

    Hallo Aura, ja man muss Augenmaß nehmen. Dann sind einzelne Elemente sicher o.k

  • #2

    Aura (Donnerstag, 28 Januar 2021 08:40)

    Guten Morgen Thorsten!

    Staubfänger finde ich auch total unnütz, wenn ich putze, dann will ich das schnell und fix tun können, ohne erst alles abräumen zu müssen. In diesem Sinne hast du es auf den Punkt gebracht! Wand-Deko mag ich, vor allem, wenn sie als Blickfang dient. Zugekleisterte Wände hingegen fangen den Blick nicht, sondern zerreißen ihn. Das finde ich dann sehr anstrengend.

  • #1

    Thorsten (Mittwoch, 27 Januar 2021 20:46)

    Wände bleiben bei uns relativ leer. Je mehr an der Wand hängt , je mehr Deko einsteht, je mehr hohe Möbel aufgestellt sind , desto kleiner wirkt der Raum. Stille bedeutet , dass es freie Flächen gibt und nicht alle 50 cm eine Ablenkung. Und : ist erstmal ein Bild da, sind es schnell drei oder fünf. Was nützt die aufgeräumte Schublade wenn die Staubfänger an der Wand immer offen stehen ?