Fumio Sasaki ist in Japan als „Extrem-Minimalist“ bekannt. Was für andere extrem wirken mag, hat mich in höchstem Maße fasziniert. Die Japaner haben im Allgemeinen ein erstaunliches Talent dafür,
winzige Apartments so smart wie möglich auszustatten – alles Nötige ist da, alles Unnötige fällt weg. Und mit weniger Besitz wirkt ein eher kleiner Raum viel größer.
Fumio Sasakis Geschichte hat mich auf verschiedenen Ebenen angesprochen. Früher hatte ich viele Dinge um mich herum und dennoch fühlte ich mich auf eine seltsame Art und Weise überfordert von
diesen Dingen. Es war so, als würde jedes einzelne dieser Dinge den Fokus meiner Aufmerksamkeit zerstreuen und für sich beanspruchen.
Nach und nach lernte ich die Reizarmut lieben. Ich finde es unglaublich beruhigend auf freie Flächen, Böden und Wände zu schauen. Schöne Dinge werden noch schöner, wenn sie bewusst ausgewählt
sind. Mein Prozess des bewussten Minimalisierens dauert nun schon eine Handvoll Jahre an. Dinge loszuwerden ohne sie wahllos wegzuwerfen braucht Zeit und Energie. Anfangs habe ich tatsächlich
viel in den Abfall verfrachtet. Jedoch wurde mir schnell wichtig, dass die Dinge – wenn möglich – ein neues Zuhause finden. Verkaufen, verschenken, spenden – es gibt viele Möglichkeiten, Dinge
gehen zu lassen.
In diesem Zug verstand ich besser, was ich brauchte und ersehnte: Besinnung. Besinnung und Ankunft bei und in mir selbst. Ich spürte das Bedürfnis, meinen Fokus auf mich selbst zu richten, da
dieser immer wieder durch äußere, angehäufte Besitztümer von mir selbst weggelenkt wurde. Wer war ich inmitten all dieser Dinge? Und wer wollte ich sein?
Vor allem die Trennung von meiner Büchersammlung war zu Beginn hart – die Bücher standen für mein Wissen, meine Weisheit und sie waren mein persönliches Statussymbol ganz in dem Sinne: „Schaut,
wie belesen ich bin. Ich kann überall mitreden und hege einen riesigen Wissensschatz!“ Wer war ich denn noch ohne meine Bücher? Hielten meine Mitmenschen mich womöglich für dumm und ungebildet,
wenn sie keinerlei Bücher in meinen Räumen entdeckten?
Ich erkannte, dass ich mich über bestimmte Dinge besonders stark definierte. Sie machten mich aus, beschrieben mich und waren Stellvertreter für bestimmte Bilder und Rollen, die ich nach außen
vermitteln wollte. Meine Bücher waren meine Trophäen, die ich wie Siegerpokale aufgereiht hatte. Sie loszulassen war befremdlich und befreiend zugleich.
Als ich das Apartment von Fumio Sasaki betrachtete war mein erster
Gedanke: „Wow!“ und mein zweiter Gedanke war: „In einem völlig leeren Raum muss man sich doch schrecklich langweilen, oder nicht?“ So viel steht fest: In einem „leeren Raum“ ist man auf sich
selbst zurückgeworfen und mit sich und seinen täglichen Gedanken stärker konfrontiert, da weniger Ablenkungsmöglichkeiten bestehen. Vielleicht ist genau das mein Weg zurück zu mir selbst: Äußere
Reize minimieren, um ganz intuitiv nach innen einzukehren. Ruhig zu werden, immer ein bisschen mehr und immer nur für einen kurzen Moment.
Kannst du dir vorstellen so zu leben wie Fumio Sasaki?
