Nullpunkt

 

Ich habe mir einen „Burnout“ immer so vorgestellt: Man bricht irgendwann zusammen, nichts geht mehr, und von da an geht dann alles langsam bergauf und man ist endlich „erlöst“ von den vorherigen Problemen. Und ich muss sagen: Ich habe mich gewaltig geirrt.

 

Eine Erschöpfungskrise verläuft anders. War der Zeitpunkt des Zusammenbruchs von einer sehr hohen Aktivität des sympathischen Nervensystems geprägt, so ist die Phase danach durch Erschöpfung gekennzeichnet. Körperlich und geistig. In dieser Phase spürt man erstmals, wie erschöpft die eigenen Kräfte wirklich sind. Man spürt das Defizit an Gesundheit, Energie, Antrieb und Kraft. Und dann beginnt eine sehr schwierige „Phase“:

Alles beginnt, auf einen unbehaglichen Zeitpunkt zuzusteuern, den ich in meiner Begeisterung für den grandiosen Film „Fight Club“ gerne „den Nullpunkt“ nennen möchte. Es ist nicht nur so, dass sich durch Therapie die Gedanken neu sortieren, man viele Erkenntnisse hat und beginnt zu verstehen, was da eigentlich passiert ist. Es ist so, dass es da eine tiefere Erkenntnis gibt, die langsam an die Oberfläche steigt.

Die Erkenntnis, dass der ersehnte „Wendepunkt“ nicht einfach so kommen wird. Albert Einstein hat es so ausgedrückt: „Du kannst ein Problem nicht auf die gleiche Weise lösen, wie es entstanden ist.“ Hier liegt der Schlüsselpunkt. Die Erkenntnis dabei ist: Ich werde nicht wieder „die Alte“ werden, nur ohne meine Probleme. So, wie ich gewesen bin, gedacht habe, gehandelt habe, mit mir umgegangen bin – alles das hat mich überhaupt erst in die Krise geführt. Ich muss mich ganz neu auf die Welt bringen, wenn sich etwas verändern soll.

Kurze Pause an dieser Stelle und durchatmen. Sich neu auf die Welt bringen – das ist ganz schön schwierig, wenn man etwas länger darüber nachdenkt. Und das meint für mich den „Nullpunkt“. Es ist der Zeitpunkt, auf den man unweigerlich zusteuert, wenn man sich auf die Situation wirklich einlässt. Und das ist verdammt schwierig. Man ist erschöpft, fühlt sich körperlich und geistig ausgelaugt und soll jetzt noch sein ganzes Leben ändern, damit es einem dann irgendwann wieder besser geht.

 

Man steckt tief im Treibsand und soll sich mit der eigenen Hand am Schopf herausziehen. Und das alles ohne Garantie, ohne handfeste Prognose, wann es denn nun endlich besser wird und man wieder voll am Leben teilnehmen kann. Und eigentlich will man einfach nur wieder „funktionieren“ und alles beim Alten haben – dann merkt man: Nein, das will man im Grunde überhaupt nicht und es ist auch keine Option.

"Auf den Nullpunkt kommen, ist kein Wochenendurlaub. Kein verdammtes Seminar! Hör endlich auf, alles kontrollieren zu wollen.“
– Tyler Durden in Fight Club

Kein Sprint, sondern ein Marathon. Eine Pflanze, die man gießen, hegen und pflegen kann – aber man kann nicht machen, dass sie schneller wächst, als sie es nunmal tut! Für jemanden wie mich die absolute Krise, denn bisher musste immer alles schnell gehen, ständig unter Strom und die To-Do-Liste am besten schon vorgestern abgearbeitet sein.

Das Leben schickt uns über kurz oder lang genau dorthin, wo es am meisten wehtut. Zumindest dann, wenn wir lange über unsere Bedürfnisse hinwegleben, uns und unsere Beschwerden nicht ernst nehmen und bestrebt sind, alle Menschen in unserem Umfeld zufrieden zu stellen, außer uns selbst. Was passiert dann? Wir verlieren uns selbst aus den Augen. Eine über Jahre hinweg kreierte Erschöpfung lässt sich nicht in wenigen Wochen oder Monaten wieder auskurieren – das erfahre ich aktuell am eigenen Leibe. Es gehört sehr viel mehr dazu als Therapie, Ruhe, Sortierarbeit, grünes Gemüse und ausreichend Bewegung.

Wieder Kraft aufzubauen nach einer Erschöpfungskrise bedeutet vor allem eines: Akzeptieren, dass es jetzt so ist und nicht anders. Akzeptieren, dass man nichts beschleunigen kann und hinnehmen, dass es einem eine ganze Weile lang eher schlecht als gut gehen wird. Auf den Nullpunkt kommen ist kein Wochenendurlaub. Es ist eine harte Lebenslektion, eine große Zwischenprüfung in der Schule des Lebens, eine Mutprobe und eine bedeutsame Chance, die man nicht mehr ausschlagen kann.

Es ernüchtert mich, dass ich erst an diesen Punkt in meinem Leben kommen musste, um das alles zu begreifen, was ich über Jahre verdrängt habe und nicht wahrhaben wollte: Ich bin ein fühlendes, menschliches Wesen. Keine Maschine, die auf Knopfdruck programmierbar und funktionsfähig ist. Ich kann mir selbst keinen Vorwurf machen. Wir wachsen ja auch nicht gerade in einer sozialen Gemeinschaft auf, die uns beibringt, wie man auf seine Bedürfnisse achtet und für sich selbst gut sorgt. Insofern bin ich auch bei weitem nicht der einzige Mensch auf Erden, der diese Art von Krise erlebt und jetzt auch „durch“lebt, denn ja – der einzige Weg aus der Krise heraus ist der Weg geradezu hindurch.

Wie oft hört man doch Sätze wie „Stell dich nicht so an“, „Andere schaffen es doch auch“, „Sei nicht so empfindlich“ und so weiter. Und wie oft werden ernsthafte Frühwarnzeichen wie chronischer Stress, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, Erschöpfung und viele weitere Symptome einfach verharmlost im Sinne von „ach, wir haben doch alle Stress“ oder „ja, das ist normal, da kann man halt nichts machen“ – Stopp!

“Das ist dein Leben und es endet jede Minute aufs Neue.”
- Tyler Durden in Fight Club

Wir müssen wieder damit beginnen, uns selbst und die Signale unseres Körpers ernst zu nehmen, wenn wir unsere Gesundheit erhalten oder wiedererlangen möchten. Im Grunde wissen wir das auch alle. Jeder weiß es, tief in sich weiß es jeder. Irgendwie. Und doch ist der Druck von außen oft stärker, geradezu übermächtig. Zumindest habe ich es so erlebt. Und wie ich nun erlebe, kann mein Versuch der Bewältigung dessen nicht die Lösung gewesen sein.

Ich weiß nicht, wann ich den Nullpunkt erreichen werden, aber ich fühle, dass ich nah dran bin. Nah dran an diesem Punkt, an welchem eine neue Phase spürbar beginnen wird: Die allmähliche Wiedererlangung meiner Kraft und Gesundheit. Bis dahin „gieße ich die Pflanze“ weiter, mit guter Ernährung, Bewegung, Ruhe, wertvollen Aktivitäten, sozialen Kontakten, Therapie und viel Geduld mit mir und meinem Umfeld.

Den Rest gebe ich ab. Ans Leben, an die Zeit, die jetzt gerade für mich arbeitet. Und warum ich das alles mit euch teile? Weil ich euch davor bewahren will, falls ihr auf dem gleichen Holzweg seid, wie ich damals. Weil ich euch Mut machen will, solltet ihr in einer ähnlichen Situation sein. Weil ich zeigen will, dass niemand wie eine perfekt geölte Maschine pausenlos funktioniert. Weil ich deutlich machen will, dass das Unterdrücken von Gefühlen, Bedürfnissen und Schmerzen nur zu mehr Schmerzen führt. Und weil ich euch bewusst machen möchte, dass das Leben niemals eine reine Aufwärtskurve ist.

“Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken.”
- Tyler Durden in Fight Club


Und ihr? Wart ihr auf schon einmal am Nullpunkt?
Seid ihr schon durch Krisen gewachsen?

 

 

Kommentare: 4
  • #4

    Werner (Montag, 28 November 2022 07:03)

    Danke!

  • #3

    Aura (Sonntag, 27 November 2022 15:58)

    Hallo ihr beiden!

    Ja es ist wirklich erschreckend, wie man manchmal in etwas hineingerät, ohne es zu bemerken. Viel ist auch davon abhängig, welches Päckchen man so von "zuhause" mitbekommen hat, wie man geprägt wurde und welche Glaubenssätze man entwickelt hat in seinen Kindertagen. Insofern trifft es manche Menschen auch eher als andere. Letztendlich haben wir aber alle unsere Herausforderungen - früher oder später. Da ist es sehr von Vorteil, wenn man Ressourcen hat und weiß, wer auch hinter einem steht. :)

  • #2

    Tom (Sonntag, 27 November 2022 12:06)

    Hallo, danke für diesen wunderbaren Text. Am Nullpunkt war ich noch nicht, aber mein Hamsterrad dreht sich noch sehr schnell, und ich versuche in absehbarer Zukunft denn Absprung zu schaffen.
    Liebe Grüße Tom

  • #1

    Queen All (Sonntag, 27 November 2022 08:52)

    Danke für die Erinnerung an diesen grandiosen Film!
    Ich selbst gehöre zu der Fraktion "ist doch normal, wir haben doch alle Stress" und hoffe, dass ich noch genug auf mich achte, um sämtliche negativen Folgen zu vermeiden. Das klappt vor allem, wenn ich mich regelmäßig zwischen zwei Buchdeckel zurückziehe. Und ich weiß schon, was ich als nächstes (mal wieder) lese...