Die Flut der Dinge

 

Ich mag aufgeräumte und übersichtliche Umgebungen. Sie geben mir ein Gefühl von Klarheit und Orientierung. Chaotische Umgebungen und Unordnung bewirken in mir eine Desorientierung, die mich innerlich aufwühlt und meine Konzentrationsfähigkeit erheblich einschränkt. Als ich mir dessen bewusst wurde, überlegte ich mir Schritt für Schritt, welche Art von Umgebung und Struktur für mich förderlich sein könnten.

 

Das alles fing im jungen Erwachsenenalter an. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt viel Kram und Dekorationsgegenstände angesammelt. Die einzelnen Stücke kamen schon gar nicht mehr richtig zur Geltung, so viele waren es geworden. Bücher in doppelter und dreifacher Reihe besiedelten meine Kallax-Regale wie Waren in einem Warenlager. Der dreitürige Kleiderschrank, der zudem mehrere Schubfächer besaß, war voll.

 

Die freien Flächen auf meinem Schreibtisch waren zugestellt mit Stiftehaltern, Boxen, Ablagen und diversen Kram-Kästchen. In den Schubfächern meines Schreibtisches befanden sich ebenfalls zahlreiche Unterlagen, Stifteboxen, Notizkram und sonstige Bürogegenstände. Aktuell kann ich nicht mehr genau sagen, was und wieviel es wirklich war, da ich die meisten Dinge, die gehen durften, schon vergessen habe. Ein sicheres Zeichen dafür, dass für mich auch im Nachhinein keine Notwendigkeit besteht, sie zu besitzen.


Das Ausmisten begann vor allem aus einem Grund: Der Einzug in meine erste eigene Wohnung rückte in greifbare Nähe. Da ich mir kein Umzugsunternehmen leisten wollte, musste alles möglichst mit dem Auto transportiert und auf einfache Weise in die neue Wohnung getragen werden können. Ich habe schnell erkannt, was auf mich zukommen würde, wenn ich alles mitnehmen würde. Allein die Bücher, deren Anzahl ich mir nicht bewusst war, hätten sicherlich zig Kartons ergeben. Also fing ich an, auszusortieren.


Zuerst den Kleiderschrank, danach den Schreibtisch, danach die Bücher und sonstige Dinge wie Dekorationsgegenstände, alte Schulsachen und Unterlagen. Auch emotionale Gegenstände mussten recht zügig dran glauben. Seltsamerweise fiel mir das Loslassen der meisten Gegenstände sehr leicht. Es befreite mich. Jede freie Fläche die entstand war Balsam für meine Wahrnehmung. Der ganze Prozess, der erst der Anfang sein sollte, dauerte etwa zwischen einem und zwei Jahren. Für den Umzug in meine erste eigene Wohnung genügte der geräumige PKW meiner Eltern.

 

Ich hatte mich von der Flut der Dinge befreit. Und ich lies in den folgenden zwei Jahren noch mehr Dinge los. Es blieb nicht bei den Dingen. Ich identifizierte auch immer mehr Gedanken, innere Einstellungen und soziale Verhaltensmuster, die mich unzufrieden machten und nach persönlicher Weiterentwicklung schrien. Je klarer meine Umgebung wurde, desto besser gelang es mir, auch innerlich aufzuräumen und klar Schiff zu machen.


Die Einrichtung meiner aktuellen Wohnung würden die meisten Menschen wohl als „zu extrem“ empfinden und auch so bezeichnen. Viele Dinge, die für andere Menschen notwendig sind, sind es für mich schon lange mehr – Bügeleisen, Waschmaschine und Bücherregal wird man bei mir nicht finden. Aber es geht nicht um die Dinge oder um ihre Anzahl. Es geht um mehr.


Oft liest und hört man, dass es beim Minimalismus darum ginge, nur die Dinge zu besitzen, die man wirklich braucht. Dem kann ich zustimmen. Auf dinglicher Ebene ist es genau das, was wirklich zählt: Besitzen, was gegenwärtig für einen persönlich wichtig und notwendig ist. Aber Minimalismus, der auf dinglicher Ebene stagniert, ist nicht tiefer gedacht. Minimalismus geht unweigerlich auf andere, nicht-dingliche Ebenen über, wenn man ihn konsequent weiterlebt. Aus persönlichen Gesprächen mit anderen Minimalisten und Minimalistinnen weiß ich, dass diese Erfahrung recht verbreitet ist.


Und wenn alles Dingliche verschwunden ist? Wenn nichts mehr aussortiert werden kann? Was dann? Wenn der Blick nicht immer und immer wieder ins Außen abgelenkt wird, wandert er automatisch nach innen. Das bedeutet keinesfalls, dass nun alle Probleme gelöst sind.

 

Im Gegenteil: Ist die Flut der Dinge erstmal fort, kann sichtbar werden, was darüber hinaus existiert oder eben auch nicht existiert. Welches nie gelebte Leben wird in Gedanken plötzlich lauter? Welche inneren Zweifel können sich plötzlich Gehör verschaffen? Welche Wünsche und Träume wollen nun erfüllt werden?

 

Die minimalistische Lebensweise hat mich auf einen spannenden und aufregenden Pfad geführt, auf dem ich mich selbst immer besser kennenlerne. Komm doch mit und beginne damit, dein Leben zu vereinfachen für mehr Klarheit, Zufriedenheit und innere Ruhe.

 

Was überflutet dich gerade?