Das Thema Datenschutz und Digitalisierung ist in aller Munde - wir leben im Digital-Zeitalter. Mich beschäftigt mich die Frage, wie digitaler Minimalismus und Daten-Minimalismus im Alltag aussehen können. Dazu gehören für mich nicht nur das digitale Ausmisten, sondern auch Smartphone- und Desktop-CleanUp. Auch ich zähle mich meistens zu denjenigen, die „nichts zu verbergen“ haben.
Aber es ist wie mit der Meinungsfreiheit: Nur weil ich zu einem bestimmten Thema keine Meinung vertreten möchte, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht pro Meinungsfreiheit aussprechen
sollte. Sensible Daten betreffen uns alle. Und die damit verbundenen Abhängigkeiten in Berufs- und Privatleben.
Messenger und Social Media
Aktuell experimentiere ich mit der Umstrukturierung und Reduktion von Messengern und sozialen Medien herum. Der Umzug von Telegram zu Signal war bereits erfolgreich und sehr unkompliziert. Zumal
Signal alle Funktionen bietet, die mir bei Telegram immer so gut gefallen haben. Mit WhatsApp sieht es da schon anders aus. Der Messenger-Gigant hat eine enorme Reichweite und aktuell bin ich
leider auch beruflich abhängig von WhatsApp. RCS-Chats, auf die Gabi mich gebracht hat, sind zwar funktional einwandfrei und unterliegen den klassischen Messengern nicht, aber mir ist doch ein
feiner Unterschied bewusst geworden: RCS-Chats bzw. SMS-Chats bieten natürlich keinen Live-Update-Charakter mit Profilbildern, Statusmeldungen und Stories.
Insofern ist mir bewusst geworden, dass Messenger im Grunde auch soziale Medien sind, die wir zum sozialen Zeitunglesen nutzen. Der reine Nachrichtenaustausch steht möglicherweise schon länger
nicht mehr im Fokus. RCS-Chats, so super und praktisch sie auch sind, werden daher wohl im Freundes- und Bekanntenkreis nie eine „echte“ Alternative zu WhatsApp und Co. sein.
Abgesehen von WhatsApp und Signal nutze ich derzeit noch Spontacts und sonst keine sozialen Medien. Das war früher anders. Im Grunde war ich überall vertreten: icq, SchülerVZ, StudiVZ, Facebook,
Instagram, Twitter, DeviantArt, Piczo. YouTube nutze ich nur zum Anschauen von Dokumentationen, Reportagen und einzelnen Kanälen zu Themen. Aber ich „folge“ dort niemandem in dem Sinne oder
abonniere etwas. Der Absprung von Instagram vor einigen Jahren fiel mir sehr schwer und fühlte sich wie ein großer Einschnitt an. Heute fehlt es mir überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil: Das
Endlos-Scrolling und die ungefragten Feed-Inhalte haben mich irgendwann nur noch gestresst und genervt.
Mein lang gehegter Wunsch ist auch der Absprung von WhatsApp – aus vielen Gründen. Ob das möglich ist, bezweifle ich noch, aber vielleicht gibt es im Fall der Fälle noch andere Wege, den
Messenger mit möglichst wenig sensiblen Informationen zu füttern. An dieser Stelle der Verweis auf den Artikel „Wege für mehr digitale Freiheit“. Allgemein kann ich den Blog von Mike Kuketz sehr empfehlen, wenn Interesse an den Themen IT-Sicherheit und Datenschutz besteht.
Ansonsten bin ich mittlerweile sehr zufrieden mit der Anzahl meiner digitalen Zugänge und Registrierungen. Diese halte ich auf ein absolutes Minimum reduziert und registriere mich nur, wenn es
unbedingt nötig ist und es keine Alternative gibt. Beispielsweise kann es gut sein, dass ich demnächst – sollten wir beruflich auf einen sicheren Messenger umsteigen – eine Apple ID anlegen muss,
um die entsprechend App auf mein Dienst-iPad zu laden. Bei Apple lassen sich nach wie vor leider keine Apps ohne Registrierung herunterladen. Jailbreak ist keine Lösung. Berufliche Messenger auf
dem privaten Smartphone nutzen auch nicht. Insofern hat Apple dann demnächst womöglich auch noch meine Daten – juchei.
Alu-Hut versus Reality-Check
Mit dem Thema Datenschutz ist es ja wie mit vielen anderen Themen. Was die Mehrheit tut, denkt, konsumiert und für richtig hält wird am besten nicht hinterfragt. Wer es doch wagt, muss damit
umgehen können, als kompliziert wahrgenommen zu werden. Womöglich wird einem auch der berühmte Alu-Hut angedichtet. Ein gutes Beispiel: Meta, der Mutterkonzern von Facebook, Instagram und
WhatsApp. Da frage ich mich schon, ob es wirklich so vielen Menschen einfach „egal“ ist, was mit ihren Daten passiert. Ich meine, ich habe auch offensichtlich erstmal nichts zu verbergen und es
könnte mir egal sein. Also wo ist eigentlich das Problem?
Einfach ausgedrückt könnte man sagen: Wissen ist Macht. Wissen ist Information. Information ist Macht. Soziale Medien sammeln Informationen – die berühmten Nutzerdaten und personenbezogenen
Informationen – welche für die Erstellung von Nutzerprofilen und eben auch zum Füttern und Trainieren der Meta AI verwendet werden. Das mag alles noch irgendwo vernachlässigbar sein, da man
vielleicht nicht viel postet, interagiert oder sonst was tut. „Mir egal“ oder „das ist doch überall so“ hört man daher auch an dieser Stelle immer noch sehr häufig.
Wie wäre es hiermit: Eine Welt, die digital verdichtet und vernetzt ist. Soziale Medien entwickeln sich immer stärker zu sozialen Kreditierungsnetzwerken, in welchen Inhalte und Daten bewertet
und ausgewertet werden. Der Alltag ist digitalisiert. Du möchtest im Supermarkt nebenan einkaufen: Kein Problem, aber huch, dir fehlen hier und da ein paar soziale Kreditpunkte, weil du leider zu
viel Zeit mit einer Person auf Social Media verbracht hast, deren Zahlungsfähigkeit als unzuverlässig eingestuft wurde. Möglicherweise ist deine zukünftige Zahlungsfähigkeit daher auch nicht mehr
gegeben, weil die besagte Person einen negativen Einfluss auf dich hat?
Der Eintritt ins Kulturmuseum kostet dich plötzlich doppelt so viel, weil in einem deiner Nutzerprofile hinterlegt ist, dass du kürzlich geerbt hast und dir den doppelten Preis sicher gut leisten
kannst. Woher das Nutzerprofil diese Information hat? Naja, das hast du sicherlich mit nahestehenden Personen besprochen – auf WhatsApp oder Facebook zum Beispiel. Dir fällt auf, dass dich die
Nutzung von ÖPNV plötzlich auch einige Euronen mehr kostet? Kein Problem, du kannst den günstigen Preis ergattern, wenn du freiwillig deine Standortdaten und Bewegungsprofile teilst. Dein
Smart-Car springt nicht mehr an? Tja, du hast vergessen ein Starting-Feature zu abonnieren und außerdem musst du dauerhaft eingeloggt sein, ansonsten funktioniert das hier alles
nicht.
Das Ganze könnte man endlos weiterspinnen, den Humor aber bitte nicht vergessen. Und die Sache mit den Daten? Ab wann ist es uns nicht mehr „egal“, was mit unseren Daten passiert und in welche
komplizierten Abhängigkeiten wir uns teilweise begeben? Spätestens dann, wenn wir direkt benachteiligt werden in dem Moment, wo wir aktiv widersprechen: Kein Eezy-Ticket mit Standortabgriff? Kein
Problem, dann zahl‘ aber bitte das Doppelte für dein Ticket. Das ist natürlich nur ein Beispiel von vielen Kontexten, die ähnlich strukturiert sind. Weiteres wird womöglich auf uns zukommen, von
Digital-ID bis hin zu Chatkontrollen auf EU-Ebene. In China ist sehr viel mehr davon bereits die tägliche Realität der Bürger und Bürgerinnen, inklusive engmaschiger Überwachung via Kamera.
Wir werden diese Entwicklungen nicht aufhalten. Aber wir können lernen, uns bewusster, aufgeklärter und gezielter im digitalen Raum zu bewegen. Digitale Durchdringung ermöglicht digitale Überwachung. Überwachung ist weder schlecht noch gut. Sie bringt Vorteile. Sie bringt Nachteile. Sie kann uns in Abhängigkeiten drängen, die unsere Privatsphäre verletzen. Sie kann uns Türen öffnen, die uns neue Möglichkeiten und Chancen bieten. In einer Gesellschaft, die auf Wirtschaftswachstum und Kapitalismus fußt, gilt: Ist das Produkt kostenlos oder stark vergünstigt, bist du das Produkt.
Deine Daten gehören nicht dir.
#UnplugBigTech
Buchempfehlung
Für alle, die sich für soziologische und psychosoziale Mechanismen in Gesellschaften interessieren: Überwachen und Strafen hat mich während meiner Masterarbeit begleitet und fasziniert
mich bis heute. Das Buch zeichnet auf erschreckende Art und Weise das Bild einer Gesellschaft, die von zunehmender Überwachung durchdrungen ist. Zentral ist das Benthamsche Panoptikon, dessen
architektonische Struktur und Bauweise eine Meta-Kontrolle ermöglicht: Die Geburt eines Gefängnisses, das von innen wirkt und uns subtil verändert. Spannend und sicherlich ein paar
Lesestunden wert:
Bildquelle: Suhrkamp | Insel, 40 Jahre "Überwachen und Strafen" im Fokus
