Wild

 

Heute, am Tag des Frühlingsäquinoktiums, beginnt für mich ein einjähriger wildnispädagogischer Lehrgang, der mich noch tiefer und eingehender mit der Natur verbinden und bekannt machen wird. Das Motto lautet: Draußen zuhause und einheimisch werden. Vor mir liegt ein Jahr voller Achtsamkeit, Erkundungen und Begegnungen mit und in der Natur.

Alles im Leben hat zwei Aspekte eines Ganzen. Diese Erkenntnis steckt in allem, was uns das Leben so bietet. Tag und Nacht, Licht und Schatten, groß und klein, laut und leise, Sommer und Winter. Jede Medaille besitzt zwei Seiten. Wir leben in einer dualen Welt.

Das zivilisierte, bequeme Leben hat insofern nicht nur seine Sonnen- sondern auch seine Schattenseiten. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, an mir selbst habe ich jedoch eine schleichende Entfremdung bemerkt. Wir hetzen durch den Alltag, von A nach B, immer darauf getrimmt, alles noch mehr zu optimieren. Wir werfen uns weiße Smarties ein, wenn wir Schmerzen verspüren und kennen unsere eigentlichen Bedürfnisse kaum noch.

Der Nachhaltigkeitsmarkt boomt. Meditation ist jetzt eine Dienstleistung und Vitamine kann man in Plastikdosen kaufen. Autos sind schlauer als Computer, Straßenlabyrinthe zeichnen unsere Welt. Wer sind wir geworden zwischen all der Technik, den Massenproduktionen, dem Konsumwahnsinn und den Zivilisationskrankheiten?

Was ist geschehen mit unserer urwüchsigen Natur, mit unserer archaischen Wildheit, die unser Erbe ist. Was haben wir uns und unseren Körpern angetan, als wir begonnen haben, sie mit Fertignahrung abzuspeisen? Was haben wir verloren, als wir entschieden haben, in Betonlandschaften und Nine-to-Five Rhythmen zu leben?

Welcher Schatz will von uns wiederentdeckt werden in den unberührten Naturlandschaften, im Birkenwäldchen am Stadtrand, unter der spiegelnden Oberfläche des Sees, auf den wilden Wiesen und in den Kronendächern der Wälder, die uns immer wieder in ihr verzweigtes, kommunizierendes Netzwerk einladen?

Ich habe den Wind in den Bäumen vernommen, das Zwitschern in den Kronen der Buchen und das Knistern im Boden der Nadelwälder. Das Leben ist ein Spiegel und es lädt mich ein, zu mir und meiner Natur zurückzukehren. Ganz wesentlich, essentiell und natürlich.

Ich freue mich auf ein spannendes Wildnisjahr mit wildniswind!

Bist du naturverbunden oder wünscht du dir mehr Naturverbundenheit?
Welche Naturräume faszinieren dich besonders?

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Anja (Sonntag, 21 März 2021 16:03)

    Liebe Aura,
    was für ein Abenteuer!
    Ich fühle mich auch entfremdet und wünsche mir oft, ich könnte mich wieder mehr verbunden fühlen mit der Natur um mich herum. Ich gehe seit vielen Jahren jeden Morgen eine Stunde joggen mit meinem Hund. Ich wohne wirklich !!! auf dem Lande. Um mich herum gibt es Wald und Wiesen bzw. Bäche und kleine Flüsse in Hülle und Fülle.
    In den ersten Jahren habe ich das Wunder des neuen Tages, die Tiere, die ich in der Dämmerung treffe, das Vogelzwitschern, die klirrende Kälte im Winter, die Sonnenstrahlen im Frühling, Sonnenaufgänge .... all dies als so großes Wunder empfinden können. Ich war im Fluss, ich war eins mit meiner Umgebung.
    Irgendwie ist mir das im Laufe unserer Selbstoptimierungszeit abhanden gekommen. Jetzt zählen Kilometer, Zeit und Hektik, dass ich mein Programm gut schaffe und nicht zu spät zur Arbeit komme.
    Schon seit geraumer Zeit versuche ich wieder etwas von dem Zauber zurückzugewinnen oder besser gesagt: wieder wahr zu nehmen. Denn ich denke, es ist alles da. Nur ich rausche so blind durch die Szenerie, dass nichts mehr zu mir wirklich durchdringt. Wir sind so beschäftigt, mit unseren Konzepten und den „wirklich wichtigen Dingen“!

    Aber heute Morgen fiel wieder etwas Schnee und ich habe dies so ganz intensiv erlebt. Die vereinzelten Flocken, die in aller Ruhe und mit unglaublicher Grazie vom Himmel tanzten. Sie waren ganz sicher, dass sie richtig landen würden. Und zur rechten Zeit. Für sie gab es keinen falschen Platz und kein Verpassen von Möglichkeiten. Sie waren voll Vertrauen, dass ihr Weg der richtige ist.
    Da fällt mir ein Gedicht von Wendell Berry ein:

    Suppose we did our work
    like the snow,
    quietly, quietly,
    leaving nothing out.

    Liebe Grüße Anja