Umbruch

 

Eine Zeit des Umbruchs liegt hinter mir.

Vielleicht ist 2020 mein Jahr der konsequenten Veränderungen. Veränderungen sind anstrengend, verunsichern und fühlen sich manchmal an wie Fallen ohne Sicht auf Grund. In meiner Vergangenheit war mein oberstes Credo: „Funktioniere, mache keinen Ärger, passe dich an“. Und ich habe funktioniert, jeden Tag. Immer musste es irgendwie weitergehen. Die nächste Prüfung, die nächste Aufgabe, was auch immer anstand: Es hatte Priorität.

Was dabei zu kurz kam: Allem voran meine Gesundheit. Schleichend nagt der Zahn der Zeit und schleichend nahen Erschöpfung und gesundheitliche Probleme heran. Zwar „bemerkte“ ich durchaus, dass sich Infekte häuften und auch andere Symptomatiken sich verschlechterten und über die Jahre das Bild vervollständigten, aber die Angst war immer größer. Die Angst davor, nicht mehr zu funktionieren, nicht mehr den Ansprüchen der anderen zu genügen und nicht das zu vollbringen, was andere scheinbar mühelos über die Bühne bringen.

Ich entschied: Ich funktioniere lieber weiter.
Nur noch ein bisschen.

Was ich damit verursacht habe: Zwei akute Belastungsreaktionen innerhalb von acht Monaten. Wer schonmal eine akute Belastungsreaktion erlebt hat weiß, dass sich der Zustand nur langsam bessert und man im schlimmsten Fall mehrere Tage ans Bett gefesselt ist, kaum Kraft hat und körperlich völlig in sich zusammenfällt. Vom psychischen Zustand mal ganz abgesehen. Eine akute Belastungsreaktion ist wie eine Computerfestplatte, die durchbrennt, weil man den Computer nicht ordnungsgemäß herunterfährt, wartet und säubert.

Die Botschaft meines Körpers ist deutlich, musste so deutlich werden, weil ich seine vorherigen Botschaften überhört habe. Ich habe mein Schiff des Lebens vor den Berg fahren lassen, weil ich Angst vor Umwegen und Komplikationen hatte. Was macht man, wenn das Schiff des Lebens so beschädigt ist, dass man alleine nicht mehr weiterkommt und nichts mehr ist wie vorher?

Meine Konsequenz: Klartext sprechen und die Umstände nachhaltig verändern. Mir eingestehen, dass es auf diese Weise nicht weitergehen kann. Mir eingestehen, dass mein Körper mir Grenzen aufzeigt, die ich nicht mehr übertreten kann. Mir eingestehen, dass sich vielleicht mehr verändern muss, als mir selbst lieb ist. Und diesen Weg selbstbewusst einschlagen, ihn bis zum Ende gehen. Konsequent, authentisch und echt. Das verlangt mir viel Mut ab. Mut, den ich jeden Tag aufbringe und in Tatkraft umsetze. Weil ich etwas verändern möchte – für mich und für andere.

Wie ist das bei dir?

Lebst du für dich selbst oder für andere?
Als wer lebst du gerade?
Was entspricht dir?

Ich möchte dich dazu einladen, die Verantwortung für dich selbst zu übernehmen. Ist dir bewusst, dass du der Kapitän oder die Kapitänin deines Schiffes bist? Glaubst du, dass „die anderen“ die Schuld tragen und du einfach „nichts dafür“ kannst? Lebst du als das Opfer deiner Umstände? Erinnere dich daran, wer du bist. Und nimm deinen Platz am Steuer wieder ein. Stehe für dich ein und gehe diesen Weg konsequent. Auch das bedeutet „Minimalismus“, lebe wesentlich und lebe das, was dir entspricht.

Allein du bist für den Kurs deines Schiffes verantwortlich. Dein Schiff wurde nicht gebaut, um im sicheren Hafen zu verweilen. Es ist dafür gebaut, das weite Meer zu überqueren, sich selbst tragend durch Wind und Sturm. Ohne Aussicht auf neues Land und ohne den Rückhalt des sicheren Hafens. Und du hältst das Steuer in deinen Händen.

Wann brichst du auf?

 

 

Kommentare: 6
  • #6

    Aura (Sonntag, 25 Oktober 2020 15:32)

    Vali, ich stimme dir zu!

    Die Zwickmühle besteht auch darin, dass sehr viele Menschen das Hamsterrad aus Angst vor den Konsequenzen nicht verlassen. Geschlossen entschiedene Streiks sind ein guter Ansatzpunkt, um etwas nach außen und vor allem nach oben zu kommunizieren.

    Noch wichtiger finde ich, dass man für sich selbst eine Entscheidung trifft und für die eigenen Bedürfnisse einsteht und wenn es sein muss auch rechtliche Schritte geht. Auch wenn das bedeuten kann, dass man seinen Arbeitsplatz verliert. Da hilft dann nur Mut und Zuversicht - Selbstschutz ist glücklicherweise ein sehr konsequenter Mechanismus, der im Fall der Fälle sowieso die innere "Führung" übernimmt. Bis es dazu kommt, kann aber leider schon einiges an Lebensqualität und Gesundheit weggebrochen sein.

    Also lieber früher die Notbremse ziehen, bevor es der Körper tut.

  • #5

    Vali (Sonntag, 25 Oktober 2020 13:21)

    Ich sehe das auch so. "Stell dich nicht so an", "Da musst du durch", "So ist das Arbeitsleben", "So ist das Leben", "Andere gehen auch 40h die Woche arbeiten - klassische Sprüche, die mich sehr wütend machen. Ich arbeite aktuell "nur" 32h die Woche und auch das ist für mich hart. Weil ich 4 Tage hingehe und 8 Stunden dort bleiben "muss". Manchmal fühlt es sich wie eine Art Zwang an. An einigen Tagen gehe ich schon körperlich und mental geschwächt zur Arbeit, weil ich genau weiß dass ich die Arbeit von 2-3 Leuten machen muss. Weil wir so viel zu tun haben und zeitgleich steht noch ein Kunde im Raum, klopft an, dann klingelt das Telefon, zwischendrin muss man ins Meeting und dann soll man noch die täglichen und monatlichen Vorhaben und Ziele im Blick behalten. Es ist mühsam, erschöpfend. Es fühlt sich wie ein Hamsterrad an. Man kommt nach Hause und hat vielleicht 2-3h bevor man ins Bett gehen muss, am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.

  • #4

    Aura (Donnerstag, 22 Oktober 2020 23:19)

    Hallo Gabi!

    Streben nach Perfektion hat ja verschiedene Motive. Viel davon ist auch sozialisationsbedingt. Wer in unserer Gesellschaft reibungslos funktioniert wird oft dafür belohnt, steigt auf, genießt gutes Ansehen, weil Funktionieren oft mit Können und Kompetenz gleichgesetzt wird. Ein bestimmtes Arbeitspensum nicht zu "schaffen" wird dann schnell gleichgesetzt mit "labil", "unfähig" oder sogar "memmig" und "anstellerisch". Meiner Erfahrung nach liegt hier das Problem für den immensen Druck der dabei entsteht, wenn man versucht, einen guten Eindruck zu machen und sich deshalb gezwungen sieht, zu funktionieren.

    Offen und ehrlich dazu zu stehen, dass eine 40h-Woche (oder was auch immer) eben nicht funktioniert wird oft als Schwäche ausgelegt ("andere schaffen das doch auch, warum du nicht?!"). Zumindest war das bei mir ein entscheidender Punkt, wieso ich nicht früher die Notbremse gezogen habe. Für sich selbst, seine Bedürfnisse und seine Überzeugungen einzustehen liegt oft klar auf der Hand und ist in der Umsetzung manchmal recht kniffelig und herausfordernd, vor allem wenn es um Selbst- und Fremdwahrnehmungskonflikte geht.

    Mensch sein, ja, da sagst du was! Mehr Mensch und weniger Maschine. Liebe Grüße an dich!

  • #3

    Gabi (Donnerstag, 22 Oktober 2020 23:10)

    Ich überlege oft, warum es dieses Streben nach Perfektion überhaupt gibt. Warum so ausgeprägt funktionieren?
    Relativ optimal statt maximal finde ich ganz hilfreich. Inzwischen gelingt es mir langsam immer besser, mir meine Unperfektheiten einfach mal zu gönnen. Schließlich bin ich Mensch, kein gottähnliches Wesen.
    Möge eine gute Portion Unperfektheit unser täglicher Begleiter sein. Nicht selten entstehen daraus irgendwann neue Ideen und Wege.

  • #2

    Aura (Montag, 19 Oktober 2020)

    Hallo Anja! Vielen Dank für dein Kompliment. :)

    Ich finde es ehrlich gesagt auch ziemlich erschreckend, inwieweit Belastung und Erschöpfung angestiegen sind, vor allem auch durch Arbeitsverdichtung, steigende Belastungen und Personalmangel. Die Reizüberflutung im Alltag tut ihren Rest dazu, permanente Erreichbarkeit, Lärm und Anforderungen auf allen Ebenen beanspruchen den Menschen in einem Ausmaß, das irgendwann zu körperlichen Reaktionen und Erkrankungen führt.

    Ich bin überzeugt davon, dass nur etwas zu erreichen ist - gesamtgesellschaftlich - wenn mehr Menschen den Mut aufbringen, mit offenen Karten zu spielen und ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Meine persönlichen Erfahrungen diesbezüglich sind sehr positiv. Jedoch kostet das auch Kraft, ja. Wie schon Dumbledore sagte, gibt es Zeiten, in denen wir entscheiden müssen zwischen dem richtigen und dem leichten Weg.

    Ich bin sehr gespannt, wie sich die derzeitige gesellschaftliche Situation noch weiterentwickeln wird. Ich trage meinen Teil bei so gut ich kann - das zumindest fühlt sich für mich aktuell stimmig an. Bleib du auch gesund! :)

  • #1

    Anja (Sonntag, 18 Oktober 2020 17:35)

    Liebe Aura,
    das tut mir sehr leid.
    Akute Belastungsreaktionen, Burnout oder wie immer man es nennen möchte > auch ich tappe immer wieder in diese Falle. Ich glaube, wir sind damit heutezutage nicht allein. Es ist ein zeitgenössisches Phänomen und ein großer Teil der Menschen bewegt sich immer zumindest am Rande dieses Kraters und viele stürzen auch immer wieder rein. Zu viel Input von allen Seiten und auch die digitalen Netzwerke tragen das ihrige dazu bei: Eben vermeintlich zu sehen, was andere alles schaffen und was auch alles möglich wäre und welche Informationen man noch aufnehmen könnte.... usw. Da eigenverantwortlich zu filtern und sich nur das zuzumuten, das wirklich wichtig (wie Du oft schreibst wesentlich) ist, ist gar nicht so einfach.
    Interessant ist , dass uns das auch trotz Wissen und Wahrnehmen der Problematik immer wieder passiert. Aber dieses Erkennen und daraus Konsequenzen folgen lassen, ist schon ein riesen Schritt. Das hast Du - wie Du schreibst - getan.
    Für mich habe ich noch erkannt, dass der Vorsatz, dieses Problem dauerhaft oder ein für allemal zu lösen, ebenfalls schon wieder eine Überforderung darstellt. Erst die Akzeptanz, dass ich eher zwei Schritte vor und einen zurück gehe und somit immer wieder gut aufpassen muss > und mir dennoch eine solche Überforderungssituation immer wieder passieren kann > hat die Schwere etwas genommen.
    Letztlich liegen da so viele unbewusste Muster zugrunde, die uns zu diesem uns selbst schädigenden Handeln antreiben, dass diese unmöglich auf einmal alle erkannt und bearbeitet werden können. Auch das wäre - zumindest für mich - erneut eine Überforderung. Nicht-Erkennen ist manchmal auch ein Schutz. Wenn die Zeit reif ist, wird sich zeigen, was jetzt dran ist.
    Als Mutter, Ehefrau und arbeitende Angestellte bzw. Hunde- u. Hausbesitzerin (nebenbei arbeite ich noch ehrenamtlich in einem Hospizverein) lebe ich weder für mich noch nach meinen (vermeintlichen) Idealvorstellungen. Aber auch hier lerne ich für mich, dass es einfach eine Gradwanderung ist. Denn ich habe dieses Leben ja auch gewählt. Ich WILL ja für meine Kinder da sein, ich WILL auch für meinen Mann da sein, ich WILL meine Arbeit gut machen.... auch wenn es mich oft an meine Grenzen bringt. Die Kunst wäre, hier das rechte Maß zu lernen. Ja, genau, ich denke das ist es für mich: das rechte Maß.

    Zum Körper möchte ich noch anmerken: Wir gehen ja immer davon aus, dass wir ein "Geist" also ein intellektuelles Wesen sind, dass einen Körper hat. Unser "Diener" sozusagen. Im ZEN durfte ich lerne, dass es genau umgekehrt ist. Wir sind in erster Linie ein Körper (auch wenn uns das nicht gefällt). Ein lebender Organismus, der sich zum größten Teil völlig eigenständig organisiert und am Leben erhält. Oder können wir z.B. willentlich "verdauen" oder ähnliches. Wir würden kümmerlich zugrunde gehen, wenn wir der Meinung wären, wir nehmen das jetzt mal in die Hand und verdauen.... unser Körper ist unglaublich selbständig und weise. Und er hat einen Geist. Zur Unterstützung > sein Diener. Wir haben allerdings den Diener zum Hausherren erhoben. Und das ist ein großes Problem. Und schon wieder eine Überforderung, diesen Körper ständig nach unseren Vorstellungen zu formen, missbrauchen indem wir ihm viel zu viel zumuten, wenn er z. B. ein Ruhebedürfnis signalisiert.... er soll gefälligst tun, was wir für richtig halten (oder irgendeine Ideologie, der wir folgen). Es wäre besser, öfters auf ihn zu hören. Nur er kann wissen, was jetzt richtig ist. Und dieses zeigt er meistens recht frühzeitig.

    Respekt vor Deinem Mut, Dinge anzusprechen und zu ändern. Das ist wirktlich täglich eine neue mutige Entscheidung.
    Danke Dir für Deinen inspirierenden Blog. Ich mag ihn sehr. Er hebt sich wohltuend von all den vielen vielen Minimalismusblogs ab, die das Netz überfluten.
    Alles Liebe
    Anja