Non-Stop

 

Die Tage vergehen. Ich nehme den hereinbrechenden Winter kaum wahr. Der Grund: Mein Beruf fordert mich gerade sehr. Dabei geht es nicht einmal um die emotionale Forderung, sondern tatsächlich um die schiere Menge an Dingen, die erledigt werden müssen. Viele Dinge davon sind im Grunde unnötig, jedoch Vorgabe von „oben“ und damit nicht zu umgehen.

Es schockiert mich ehrlichgesagt zu welch einem bürokratisch-technischen Job sich der Lehrerberuf gerade entwickelt. Nicht zuletzt durch das C.-Problem und die ach so tolle Digitalisierung, die oftmals alles verkompliziert, anstatt zu vereinfachen. Immer mehr Arbeit soll in der gleichen Menge an Zeit untergebracht werden.

 

Der Medienkompetenzrahmen existiert schon eine Weile zusätzlich zum normalen Lehrplan, der sowieso schon maßlos überfrachtet ist. Hinzu kommen Vergleichsarbeiten, Papierkram und Elternarbeit, die zunimmt aufgrund der besonderen kindlichen Bedürfnisse, die unsere moderne Welt entstehen lässt.

Alles non-stop.
Nur noch einatmen, nicht mehr aus.


Arbeitswut versus Arbeitseffizienz

Ich bin überzeugt von effizientem Arbeitsmanagement und priorisiere konsequent. Anstatt meine Zeit mit dem Basteln von aufwändiger Fensterdeko oder perfekten Pinterest-Adventskalendern zu vergeuden, investiere ich sie wohl organisiert in die wirklich wichtigen Aufgaben. Wie wäre es zum Beispiel mit gutem Unterricht? Und dieses Dilemma betrifft mich, obwohl ich mein Unterrichtspensum schon vor einer Weile von 28 auf 18 Stunden reduziert habe. Eine 40-Stunden Woche habe ich trotzdem oftmals.

Nicht auszudenken, wie die Belastung mit einem vollen Deputat aussieht.
Eine Katastrophe für den Realstundenlohn.

Ich priorisiere, wo immer es geht. Priorität „Null“ Tasks führe ich gar nicht mehr aus, weil die Zeit und das Personal fehlen. Ich lege Wert auf Ordnung, Struktur, Sozialtraining und gute Elternberatung. Weniger ist mehr, auch in der Schule. Oder sollte ich sagen: GERADE in der Schule. Unsere Kindergeneration ist maßlos überflutet. Das muss nicht auch noch in der Schule sein. Ich schreibe weniger Lernzielkontrollen als manch andere Kollegen, aber dafür ganzheitlichere, aufwendigere. Projekte, Langzeitarbeiten und Teamarbeit sagen mehr über die kindliche Entwicklung aus als ein Test nach dem anderen.

Auch Kinder brauchen Sinn.


Minimalismus im Klassenraum

Mein Klassenraum beherbergt nur das Wesentliche. Und ich werde noch weiter reduzieren. Der Grund ist simpel: Ich möchte Platz und Raum für die Kinder schaffen. Nicht für noch mehr Materialien, Hefte und Papierberge. Mein Pult ist neuerdings leergeräumt. Ja genau: leer. Ich habe dort Platz für alles, was ich während eines Unterrichtstages benötige und am Ende des Tages ist wieder alles „blanko“ für den nächsten Tag.

An meinen Wänden hängt nur das Wichtigste: Rechenregeln, ein Merkplakat zum aktuellen Thema in Deutsch und eine Reflexions-Chart für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Und natürlich der Klassenvertrag für das wöchentliche Sozialtraining. Mehr benötigt es nicht. Die Kinder können sich orientieren, ohne sich zu verlieren.

In meinem Materialschrank liegt die temporäre Ablage, in welcher alle Arbeitsblatt-Reste, Papiere und sonstiges landen, die nicht abgeheftet werden müssen und nicht mehr gebraucht werden. Einmal wöchentlich leere ich die temporäre Ablage und vermeide damit Berge von Dokumenten, die man ja später noch gebrauchen könnte.

In meinem Klassenraum wird es schon bald keine Kinder-Material-Kisten mehr geben, da sie in nur wenigen Wochen zu Müllhalden mutiert sind. Ich möchte den Kindern vermitteln, Wichtiges in der Schultasche zu lagern und Unwichtiges direkt zu entsorgen (anstatt es in der Kiste anzuhäufen). Dadurch entsteht gleichzeitig mehr Platz im Klassenraum, da ich das Regal nicht mehr benötige.


Den Fokus nicht verlieren

Sich in der immer komplexer werdenden Arbeitswelt zu verlieren ist einfach. Eine klare Linie zu fahren umso schwieriger. Es gelingt mir immer besser. Die Kinder unserer Zukunft brauchen die Fähigkeit, diese klare Linie zu erkennen und zu leben. Dazu möchte ich einen wesentlichen Beitrag leisten. Und auch wenn meine Art Lehrerin zu sein „anders“ ist, erhalte ich doch immer häufiger Zuspruch und Lob von Kolleginnen.

Der Weg in die Zukunft braucht vor allem eines: Einfachheit und Klarheit.


Wie möchtest du dein Leben weiter vereinfachen?
Was hindert dich aktuell daran?

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Gabi (Sonntag, 21 November 2021 19:43)

    Immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit - wie kommt mir das bekannt vor…
    Um so ermutigender, wenn ich lese, wie du deinen Unterricht bei den bestehenden Rahmenbedingungen gestaltest. Weg mit dem Bastel-Firlefanz, den Arbeitszettel-Ungetümen, den endlosen Papiersammlungen und Konzentration auf das Wesentliche. Das ist genau die Basis an Klarheit und Struktur, wo Kinder doch noch die Chance haben, in einer Welt voller Aktionismus und Reizüberflutung etwas zu lernen. Endlich mal was Positives aus diesem Bereich!

    Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr dich diese Arbeitssituation belastet. Kompliment, dass es dir trotzdem gelingt, Klarheiten und den Blick auf das Wesentliche einzubringen. Kinder brauchen genau das heute mehr als je zuvor.