Minimal Millennials

 

Das einfache Leben hat es schon immer gegeben. Leben im Rückzug, Leben in Einsamkeit, Eremitentum und vieles mehr. Vor einigen Jahrzehnten war es sicherlich keine Frage der Entscheidung, wie und ob man einfach gelebt hat. Oftmals war es eine Notwendigkeit. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen „Verzicht“ durch Armut und bewusster Reduktion.

Es scheint, als würde sich der Trend, bewusst einfacher zu leben, mit dem Millennium langsam aber stetig weiter entwickeln. Oft belächelt sind es immer häufiger die jungen Generationen und die „Millennials“, die ihr Leben nach Wunsch und Vorstellung gestalten möchten. „Das Leben ist aber kein Wunschkonzert und auch kein Ponyhof“, schallt es häufiger von älteren Generationen daher. Vielleicht müssen wir einen Blick darauf werfen, was es eigentlich bedeutet, ein „Millennial“ zu sein.

Wer um die 2000er geboren wurde, ist mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem Internet aufgewachsen. In zahlreichen Geschäften werden wir überflutet mit dem neusten Schnickschnack und im Supermarkt sind 80% der Lebensmittel nicht mehr echt, sondern künstlich hergestellt. Der Arbeitsmarkt wird rasanter, brisanter, engmaschiger.

Viele wichtige Erfindungen und medizinisch-technische Erkenntnisse sind im Jahre 2000 bereits gegenwärtig. Das aufzuarbeitende Wissen wird von Tag zu Tag größer, dichter, komplexer. In immer weniger Zeit muss mehr Komplexität bewältigt werden und durch das Internet muss in immer kürzer werdenden Abständen Kommunikation stattfinden, im Live-Takt.

Es entsteht nicht nur die Illusion der verknappenden Zeit, sondern auch immer mehr die Notwendigkeit zum Multitasking. Was immer noch nicht angekommen zu sein scheint: Multitasking zerstreut den Geist, kostet viel Energie und führt nicht zu besseren Arbeitsergebnissen. Oft ist das Gegenteil der Fall.

Produktivität, Leistung, Tempo.
Schneller, mehr, höher, weiter, heute noch, besser schon gestern.
Die nächste E-Mail ist schon im Postfach, das Telefon klingelt in Dauerschleife.
Haste nichts, biste nichts. Konsumiere. Profiliere. Glänze.
Fehler machen verboten, denn dafür fehlt die Zeit.
Alles muss fluppen, weitergehen.

Schneller.
Mehr.
Höher.
Weiter.
Heute noch.
Besser schon gestern.

Stopp!

Wohin trägt uns diese Strömung?

Der Strudel der Optimierungs-Produktivität hat uns alle.
Viele werden verschluckt. Die Folgen: Erschöpfung, Depression, Angst.

Wer kann sich heute noch erlauben, derartige Folgen zu belächeln? „Ihr wisst nicht, was wirklich hart ist!“ „Ihr habt doch nie in eurem Leben wirklich hart gearbeitet!“ „Ihr wisst nicht was es bedeutet, auf dem Feld zu arbeiten!“ „Seit froh, dass ihr feste und sicher bezahlte Jobs habt!“ und so weiter.

Was ständige Abrufbarkeit und Dauerstress mit dem Menschen macht wird bereits erforscht, doch selbst evaluierte Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen sickern nur äußerst langsam auf die Ebene des echten Lebens. Es gibt noch viel zu tun. Auf den Millennials liegt ein schweres Päckchen. Packen wir es an. Entscheiden wir uns ganz bewusst für Reduktion.

 

Für Klarheit und für das Wesentliche.

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Gabi (Mittwoch, 30 Juni 2021 20:50)

    Mir (Nicht-Millenial, 60 J., d.h., eine von diesen „‚Boomern) fällt beim Lesen doch sofort auf, dass ich diese Sprüche wie „ihr wisst nicht..“ „ihr habt noch nie…“, „seit froh dass…“ doch sehr bekannt vorkommen. Habe ich früher als Teenie in den 70ger-Jahren gefühlt 1000 x gehört. Ich könnte sie noch zigfach ergänzen - spare mir das mal. Zum K… solche Sprüche! In irgendwelchen Variationen wiederholen sie sich immer wieder. Denjenigen, an die sowas gerichtet ist, bringt das wirklich überhaupt nichts.

    Gruselig finde ich dieses ständige höher, schneller, weiter, perfekter. Die ständige Arbeitsverdichtung erlebe ich seit über 20 Jahren, immer in Sorge, es irgendwann gar nicht mehr zu schaffen.

    Und all den bestehenden Druck nur um sich noch irgendein Krims oder Krams zu kaufen? Das ist, als wolle man mit einem Auto Vollgas vor die Wand fahren, nur weil das Auto so schön viel PS hat und der Rausch der Geschwindigkeit so schön. Wie verrückt ist sowas?

    Reduktion, weniger ist mehr ist auch für mich die einzig sinnvolle Antwort.