Lyrische Verdichtung

 

Schreiben ist für mich wie inneres Aufräumen. Oft schreibe ich in lyrischer Form. Ich habe mich schon in sehr jungen Jahren als lyrikaffin erlebt. Mir gefällt die Kürze von Gedichten und ihre besondere sprachliche Dichtheit. In einem Gedicht hat jedes Wort seine Bedeutung. Das lyrische Bild zentriert sich in einem einzigen, dichten Punkt ausgewählter Worte, Begriffe und sprachlichen Mitteln.

Besonders fasziniert hat mich das japanische Haiku, das in seinen wesentlichen Merkmalen auch in die deutsche Lyrik übertragen wurde. Das Haiku ist kurz, gegenwärtig, konkret und offen zugleich. In ihm entfaltet sich das unendlich weite und auslaufende Bild einer Situation oder Szene – im Haiku wird darauf verzichtet, dieses Bild im Detail zu beschreiben. Stattdessen werden das Bild und seine Wirkung in wenigen Silben erfasst und verdichtet.

Das deutsche Haiku folgt oftmals dem Schema 5-7-5, also fünf Silben im ersten Vers, sieben Silben im zweiten Vers und nochmals fünf Silben im dritten Vers.


Klassische Form:

eisiger Frost taut
unsichtbar unter Decken
sprießt es vielleicht schon

In diesem Haiku versuche ich, natürliches Wachstum zu verdichten. Wachstum ist nicht immer sichtbar – manchmal liegt über dem Neuen noch eine Schicht des Alten. Das ist nicht nur in der Natur so, sondern auch im Bereich der persönlichen Entwicklung. Manchmal verändert sich auch für lange Zeit nichts und Vertrauen ist gefragt – letztendlich können wir nicht sehen, was unter der frostigen Decke des letzten Winters geschieht.


Ich experimentiere gerne noch freier, reduziere noch stärker oder lasse mehr oder weniger Silben pro Vers zu. Wie auch bei dinglichem Minimalismus zählt für mich nicht die Zahl, sondern die Tatsache, dass alles stimmig ist. Eine Dichtung ist vollendet, wenn nichts mehr hinzugefügt und nichts mehr reduziert werden kann.


Reduzierte Form:

wilde Gärten         
überall und nirgendwo

Gärten sind für mich ein Symbol für Entfaltung, Wachstum und den natürlichen Zyklus des Lebens. Wilde Gärten verstärken den Aspekt der ungezähmten und unbeschnittenen Natur – sie stehen in starkem Kontrast zu bürgerlich zurechtgestutzten Vorgärten und der makellosen Rasenfläche. Die ursprüngliche Wildheit lässt sich jedoch nicht beschneiden, stutzen oder verdecken. Sie bricht immer wieder durch den Asphalt oder lässt quadratische Hecken in alle Richtungen ausschlagen. In diesem Sinne sind wilde Gärten das Allgegenwärtige, auch wenn wir sie kaum zu Gesicht bekommen. Hinter jedem zurechtgemachten Garten verbirgt sich die rohe Natur und ihr organisches Chaos, das nicht beseitigt werden kann, da seine unterirdische Wurzel schon erneut ausschlägt.


Freivers:

im Schaufenster
immer ich und ich und ich
du auch

Ich fange das „Du“ im „Ich“ ein. Wenn wir unser Spiegelbild betrachten, sehen wir nicht nur uns, sondern auch alles und jeden, der uns geprägt und inspiriert hat. Zugleich ist das „Ich“ eine Illusion des Egos. Wir nehmen uns als etwas Getrenntes wahr, wir sind Beobachter der Welt, in der wir leben. Doch wir sind auch selbst Teil dieser Welt. Diese Welt spiegelt auf uns selbst zurück – und umgekehrt.


in wilden Gärten
zarte Blüten am Stiel
einer Teufelsranke

Wieder die Gärten. Sie sind allgegenwärtig. Ein Garten kann überall gedeihen. Und inmitten der rauen Wildnis des Gartens prangen zarte Blüten. Sie wirken nicht wild, eher anmutig und wie gemalt mit zarten Aquarellfarben. Der letzte Vers offenbart eine Wahrheit, die ohne genannte Folge bleibt: Es sind die zarten und unschuldig wirkenden Blüten einer Teufelsranke. Sie befindet sich wohl noch im Wachstum. Die Wildheit des Gartens mündet über seine wahrgenommene Zartheit in der befleckten Verderbnis des Teufels. Die Angst vor dem Kontrollverlust und dem unaufhaltbaren Wuchern und Verwachsen des Gartens wird hier von mir verdichtet.

 


Dichten ist für mich wie das Malen eines Gemäldes.
Keine Pinselstriche, sondern Worte.

 

 

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