Das Leerfeld
Organische Eigenschaften des Textgefüges

 


Die folgenden Worte sind Teil eines gedanklichen Stroms, der experimentell in Text transferiert wurde. In Text transferiert, sind das Gesprochene Wort und der Gedanke manifest. Außerhalb des Textgefüges bleiben sie frei, zirkulierend und stets wechselhaft.

Ein Text kann ein Bild beschreiben oder ein Geschehen anordnen, der Text selbst wird damit zu einer symbolischen sowie inhaltlichen Komposition. Diese Komposition ist fein abgestimmt, kein Wort und kein Zeichen sind zu viel oder zu wenig - alles ist an seinem Platz, nichts kann hinzugefügt oder weggenommen werden: Das Text-Gebilde ist ganz.

Ein Text kann Wissen generieren oder Fragen aufwerfen - beides. Ein Text kann organisch so angeordnet sein, dass er mehr Unwissen als Wissen produziert. Es entsteht ein leeres Feld, welches als Projektionsfläche dient und einen widerhallenden Charakter zu eigen hat.

Das Leerfeld funktioniert wie ein textliches Echo: Indem etwas ausgespart oder nicht benannt wird, wandelt es sich zu einem schwarzen Fleck im Text-Wissen. Das Leerfeld jedoch ist charakterisiert durch eine immanente Valenz: Es er-fordert eine unbekannte Text-Materie, die in es selbst hineinprojiziert oder gespiegelt werden muss - vielleicht sogar durch sich selbst.

Auf jeden Fall durch denjenigen, der den Text rezipiert.

Das Leerfeld ist wie Anti-Materie: nicht wirklich greifbar, jedoch unbestreitbar in seiner Existenz, fähig zur Affektion. Texte, die große Mengen an Leerfeld generieren, wirken in der Regel unheimlich, undurchsichtig, unvollständig, unsicher. Es ist das Ungewisse, das das Leerfeld charakterisiert - es wird zum Un-Wesen dessen, was der Text-Organismus vereint:

Wissen. Kein Nicht-Wissen, sondern Un-Wissen. Das Un-Wissen invertiert das Leerfeld, transformiert es zum leeren Raum psychologischer Manifestation.

Der leere Raum entfaltet Gegenraum und Gegenraum ist nicht Raum, nicht Nicht-Raum. Er ist gewissermaßen invers invertiert. In sich selbst hinein, aber auch durch sich selbst hindurch. Ebenso außerhalb von sich selbst. Der Gegenraum beherbergt Materiegleiches, Formhaftes, also auch Namenhaftes. Doch Namensgebungen entheben sich seinem Prinzip. Der Gegenraum vereint das Un-Mögliche, sein Herz ist die Essenz. Unterkellert wird psychosomatisch, durch Faltung und durch Wahr-Nehmung des Beobachtbaren und der Psyche des Beobachters.

Was sich formt, wird Nicht-Form. Aber nicht schattenhaft, sondern absorbierend und gleichermaßen vereinend - leer und höchst verdichtet zur selben Zeit. Vielleicht dunkle Materie. Wabernd, organisch, intelligent. Aber es ist noch mehr als das. Es vereint das Nicht und das inverse Prinzip, Raum und Gegenraum: das Leerfeld. Die Essenz enthält alles und nichts, die Welt und das in sie Hinein-Gedachte. Außen und Innen sind hier verschmolzen, denn das Gegenraum-Prinzip hebt die Grenzen auf: Jeder Weg findet jeden anderen, alles ist Gefüge. Das Ende fließt zum Anfang, der Anfang zum Ende.

Weil der Gegenraum sich selbst aufhebt wird er Un-Raum. Unräumlichkeit. Gegenläufigkeit. Verschmelzung und Spaltung. Faltung. Die Essenz ist nicht mehr viele, sondern viel. Alles und ganz. Keine Trennungen, nur noch Verbindungen. Die Essenz ist ganzheitlich, aber nicht starr. Sondern dynamisch. In Wechselwirkung mit sich selbst erzeugt sie Gegen und Raum, ist sie doch unräumlich und inverses Prinzip.

Wird über die Essenz geschrieben, so muss sie etwas Wahrnehmbares sein. Im Resonanzkörper des Leerfelds hallt sie wider und formt sich durch Faltung und Um-Faltung.

Das Wahrnehmende als Teil des Gegenraums wird selbst Raum, invertiert es sich doch selbst zum Gegen. Es ist Subjekt gewesen, wird aber mehr als das. Es wird Spiegel als Umkehrung des Selbst. Gewissermaßen ein Insubjekt. Vielleicht auch de-subjektiviert. Oder ent-subjektiviert. Non-subjektiv. Demnach auch allumfassender, geistiger. Aber nicht abgetrennt von sich selbst und seiner Wurzel, sondern eher entfesselt. Es wird unterkellerndes Selbst.

Die Essenz enthält das Non-Subjekt, das Wahrnehmende. Sie, das absorbierende Gespenstische, ist Keim. In ihr ruht das bereits Seiende, also auch das Gewesene - alles ist zur selben Zeit. Sie ist aber auch Werdendes. Das ist das Gegenprinzip: Widerspruch und Aufhebung, Wiederholung und Wechsel. Ewiges Werden. Aber was wird, das ist schon längst gewesen. Immer und auch niemals. Und das ist namenlos. Weil es unaussprechlich ist und sich allenfalls durch sich selbst aufheben wird. Im Innen wird gespiegelt, projiziert, invertiert, zer-setzt und gegenläufig vereint.

Und deshalb ist alles wahrgenommen.