Kinderlos glücklich?

 

In meinem Alter werde ich öfter mit der Frage konfrontiert, wann denn „der richtige Mann“ in mein Leben findet und wie es denn mit Kindern aussieht - ich sei ja „in dem Alter“ - und überhaupt, wie sieht’s denn aus mit Haus und Heirat?

Abgesehen davon, wie ich diese Fragen empfinde und was sie in der Vergangenheit mit mir und meinem Lebensgefühl gemacht haben, zeigen sie ganz gut auf, wie das genormte Lebensmodell unserer Zeit aussieht: Mann, Frau, Haus, Kinder – die klassische Kleinfamilie, die monogame, heterosexuelle Beziehungen in den Vordergrund stellt und urbanes, flexibles Singel- und Nomadentum als fragwürdig oder sogar rückschrittig betrachtet. Ein Glück, dass dieses Bild des „richtigen Lebensmodells“ nicht mehr flächendeckend existiert. In meiner eigenen Generationenlinie ist es allerdings stark vorherrschend, gepaart mit einer konservativ-traditionellen Mentalität. Für mich kurzgefasst: einengend.

Heirat und Kinderkriegen hat mich noch nie gereizt oder in einer Art und Weise angesprochen, weshalb ich auch nie das Gefühl hatte und habe, ein solches Lebensmodell anstreben zu müssen. Ebenso habe ich schnell gemerkt, dass ich mich und meine Beziehungen nicht ausschließlich heterosexuell oder monogam ausleben möchte – für mich sind Beziehungen ein Spektrum der Vielfalt, dass sich nicht in ein Schema pressen lässt. So schützt Monogamie genauso wenig vor Fremdgehen, Betrug und Eifersucht wie Polygamie. Ehe und Kinder können das eigene unerfüllte Leben genauso wenig „fixen“ wie der Kauf eines Hauses oder teure Luxusgüter. Alles kann – nichts muss.


Aber du bist eine Frau und Frauen bekommen Kinder!

Das habe ich schon öfter gehört, getoppt von: „Aber Fortpflanzung ist der Sinn des Lebens!“ Evolutionsbiologische Sinnhaftigkeit liegt im Erhalten der Art und Arterhaltung schließt viel mehr ein als nur Fortpflanzung – oder würde man sagen, dass ein Medizinier, eine Tagesmutter, ein Pädagoge, eine Lebensmittelverkäuferin nicht zur Erhaltung unseres Überlebens beiträgt? Natürlich nicht!

Dass Frauen dies und jenes tun müssen, weil sie ja dafür geschaffen sind ist eine unzureichende Schlussfolgerung und ein gesellschaftlich konditionierter Glaubenssatz. Einige Beispiele zum Vergleich: Rennst du den ganzen Tag nur weil du im Besitz zweier Beine bist und es könntest? Fliegt ein Vogel 24/7, weil er zwei Flügel hat und es könnte? Hungerst du regelmäßig wochenlang, weil dein Körper es ja aushalten könnte? Gibst du dein ganzes Erspartes auf einen Schlag aus, weil du es ja könntest? Wohl eher nicht. Muss eine Frau Kinder gebären, weil sie es könnte? Nein. Genauso wenig müssen andere Menschen bestimmte Sachen tun, nur weil es möglich wäre oder dem genormten Modell entspricht.


Dass du keine Kinder willst ist egoistisch!

Ein Klassiker. Oft gehört, jedes Mal weniger verstanden. Auf vielen Kindern lastet das unerfüllte Leben ihrer Eltern, die ihr Wünsche und Sehnsüchte auf ihr Kind projizieren – ähnlich dem Verhaltensmuster in ko-abhängigen Beziehungen und Partnerschaften. Möglicherweise schwingt hier auch eine Form von ungesundem Egoismus mit - das kann und möchte ich nicht beurteilen.

Was viel wichtiger ist: Ein bewusst gewähltes Lebensmodell, das man deshalb lebt, weil es sich richtig anfühlt, weil es passt, weil es sich so ergibt, wenn man seinen Bedürfnissen folgt - kann ein solches Lebensmodell so falsch und egoistisch sein, wie es öfter dargestellt wird?


Wenn du älter wirst, dann willst du Kinder!

Und überhaupt: „Wer soll sich mal um dich kümmern, wenn du keine Kinder hast?“ Ich bemühe mich darin, niemals „nie“ zu sagen. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und bisher habe ich nicht mal zu 0,01% den Wunsch verspürt, Kinder zu bekommen – was in 3, 5 oder 10 Jahren ist, weiß ich dennoch nicht. Ich empfinde es als grenzüberschreitend, indirekt vorgeschrieben zu bekommen, was ich später, dann und wann schon wollen werde. Was ich will, kann nur ich selbst herausfinden und zwar immer nur für den aktuellen Moment oder die aktuelle Lebensphase.

Ich habe oft den Eindruck, dass hinter dem Gedanken „Wer soll sich mal um dich kümmern, wenn du keine Kinder hast?“ eine gewisse Angst vor Einsamkeit steckt. Die Angst, alleine nicht zurecht zu kommen, vielleicht auch die Angst vor finanziellen Engpässen, Krankheit und fehlender Mobilität im Alter. Aber kein Kind dieser Welt ist seinen Eltern und Bezugspersonen etwas „schuldig“. Der Kern des Problems ist nicht das fehlende Kind, das sich später hoffentlich um einen kümmert – der Kern des Problems ist die Angst, die diesen Gedankengang überhaupt erst auslöst.


Dass du keine Kinder willst, ist nicht normal!

„Du bist ja nicht mehr normal, du willst ja bloß keine Verantwortung übernehmen!“ Über dieses leidige Thema habe ich bereits geschrieben. Als normal empfunden wird, was genormt ist. Und wenn man selbst in das genormte Lebensmodell nicht hineinpasst? Entgegen vieler Vorurteile und sozialer Erwartungen haben wir heute weitgehend das Privileg, selbst zu entscheiden ohne dafür eingesperrt oder gehängt zu werden.

Vor hundert Jahren hätte ich vielleicht auch einen Mann geheiratet und Kinder bekommen – heute geht es anders. Es anders zu machen ist deshalb nicht egoistisch. Menschen, die sich Kinder wünschen und aufziehen sind auch nicht weniger egoistisch als Menschen, die ohne Kinder leben wollen. Ob mit oder ohne Kinder – kein Lebensmodell ist besser oder schlechter, nur passender oder unpassender für die Person, die es auslebt.


Hast du Kinder oder nicht?
Wünschst du dir Kinder oder lebst du gerne kinderlos?
Wie erlebst du den sozialen Druck, der durch genormte Lebensmodelle entsteht?

 

 

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