Nicht normal

 

Gewohnheiten oder Lebensweisen, die nicht der Norm entsprechen oder in starkem Maß von gesellschaftlicher „Normalität“ abweichen, wirken auf viele Menschen „extrem“, „nicht mehr gesund“ oder sogar „zwanghaft“ – nicht normal eben. Ob Minimalismus, Nachhaltigkeit, Veganismus, politischer Aktivismus oder Polyamorie – wann geht es zu weit?


Das ist ja nicht mehr normal!

Eine Floskel, die du bestimmt auch schon gehört hast – noch schlimmer: DU bist ja nicht mehr normal. Normalität ist ein gesellschaftlich-soziales Konstrukt, das dynamisch und flexibel veränderlich ist, je nach Mentalität und Lebensstil von Gesellschaften. „Normal“ meint also das, was aktuell der Norm entspricht, nicht schief oder skeptisch beäugt wird und in der Regel ohne Anecken funktioniert. Damit zivilisiertes Leben überhaupt funktioniert benötigt es ein dynamisches Gleichgewicht von Anpassung und Individualisierung. Kann Individualisierung und Abweichung von der Norm im legitimierten Rahmen denn überhaupt „zu viel“ oder „falsch“ sein?


Normalitätskonzepte aufbrechen und neu definieren

Was der Norm entspricht, ist uns allen in den Grundzügen bekannt. Ob es nun den Lebensstil, Beziehungen oder die Ernährung betrifft – wir spüren instinktiv, was als „normal“ angesehen wird und mit welchen Lebensentwürfen wir bei anderen Menschen Kopfschütteln, Skepsis oder sogar Verärgerung und Schock auslösen würden. In Punkto Klartext habe ich bereits aufgezeigt, dass es in der Natur des Menschen liegt, soziale Ablehnung zu vermeiden. Genauso verhält es sich auch in Sachen Lebensstil.

Die Frage war für mich lange Zeit: Wie darf ich leben, was muss ich tun, um nicht anzuecken? Mittlerweile lautet die Frage eher: Wie will ich leben, was entspricht mir und meiner Vorstellung von Zufriedenheit, Gesundheit und persönlichem Glück – unabhängig davon, was andere Menschen daran „nicht normal“ finden könnten.

Meine Quintessenz ist: Nur wenn ich echt bin und (m)ein echtes Leben lebe, kann ich auch Menschen in mein Leben ziehen, die mich genau dafür wie ich lebe und wer ich bin wertschätzen können. Anderenfalls lebe ich ein falsches Leben, eine Illusion, die nur dazu dient, es anderen recht zu machen und nicht negativ aufzufallen.


Anderssein als Individualitätsanspruch

Ist dir auch schon einmal dieser Gedanke durch den Kopf gegangen? „Diejenige möchte ja bloß Aufmerksamkeit“, „derjenige ist ja nur Minimalist, weil er geizig ist und damit auffallen möchte“, „diejenige will sich ja nur besser darstellen mit ihrer Nachhaltigkeit“, „derjenige ernährt sich ja bloß so extrem, weil er insgeheim krank ist und bloß seine Essstörung nicht anerkennen will“ ... und so weiter.

Ich persönlich nehme diese Gedanken auch bei mir selbst wahr und frage mich dann, wie ich auf derartige Schlussfolgerungen komme. Meistens ist Neid in Kombination mit der Feststellung, dass ich mich im Vergleich mit dieser oder jener Person „nicht gut genug“ fühle, der springende Punkt. „Die lebt so gesund und macht jeden Tag Sport“ – das mache ich nicht, also bin ich wohl weniger wert und ein schlechter Mensch. „Der ist so organisiert und schafft es, mühelos Ordnung zu halten“ – bei mir ist ständig Unordnung und ich schaffe es nicht, strukturiert zu leben, anscheinend bin ich einfach nicht gut genug. Die Reihe an Beispielen könnte ich beliebig verlängern.

Wenn du das nächste Mal ähnliche Gedanken bei dir beobachtest, stelle dir die Frage, aus welcher Art von Gefühl oder Stimmung sie heraus entstehen. Es kann schon ziemlich unangenehm sein, sich selbst einzugestehen, dass man sich als weniger wert oder nicht gut genug erlebt. Es ist jedoch auch mit Erleichterung verbunden, weil so ein Teil des sozialen Drucks von dir abfallen kann – dein Leben darf dir entsprechen und es sieht vielleicht anders aus als das Leben von Person xy.


Deine Entscheidungen kreieren dein Leben

Menschen, die „nicht normal“ sind, erheben keinen höheren Individualitätsanspruch – sie sind bloß auf der Suche nach dem für sie stimmigen Leben, das offensichtlich anders aussieht, als das der Norm entsprechende. Und genau um die Frage geht es: Wie sieht DEIN stimmiges Leben aus, welchen Lebensstil, welche Beziehungen wünschst DU dir? Was für andere passt, passt für dich noch lange nicht und vice versa! Je bewusster du entscheidest, was du für dein Leben möchtest und was sich für dich gut und richtig anfühlt, desto eher gelingt es dir, deine Haltung zu stärken und dich gegenüber Selbstvergleichen und sozialem Druck abzugrenzen.

Es sind deine eigenen, bewusst und wohlwollend dir selbst gegenüber getroffenen Entscheidungen, die dein Leben kreieren, das für dich passend ist. Dein Leben kann nur für dich echt und authentisch sein, wenn du der oder die Dirigentin bist. Anderenfalls lebst du das Leben einer anderen Person.


Empathie für sich selbst und andere Menschen

Sich selbst annehmen und andere akzeptieren, Leben und leben lassen, meine Entscheidungen, mein Leben – wie auch immer du es ausdrücken magst. Mir hilft Empathie, Mitgefühl für mich selbst und andere. Was bewegt jemanden zu diesem und jenem Lebensstil, mit dem ich mich selbst überhaupt nicht identifizieren kann? Kann ich sie oder ihn nachfühlen, wenn auch nur ein wenig?

Und was bewegt mich zu meinem bevorzugten Lebensstil? Welches Gefühl gibt mir mein gewähltes Leben und welches Gefühl geben mir aufgezwungene oder nicht veränderliche Variablen meines Lebens? Kann ich nachfühlen, was es heißt dieses oder jenes Leben zu leben oder leben zu müssen? Welche Entscheidungen möchte ich für mich und mein Leben treffen – heute und auch an vielen weiteren Tagen?

Vielleicht ist die Spiegelübung etwas, das dir gute Dienste leisten kann.

Welche Lebensentwürfe interessieren dich und fühlen sich gut an?

Wie leicht oder schwer fällt es dir, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu leben?

 

 

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