Gefaltete Welt

 

„Ein unglaublich lautes Grollen und Beben erfüllte die Tunnel, Schächte und Kammern der Tiefen Stadt. Ich schien mich der Quelle dieses durchdringenden Geräusches zu nähern, während der Boden unter meinen Füßen stärker zu vibrieren begann. Schon vor längerer Zeit, hatte das Grollen begonnen und sich auf meinem Weg tiefer hinein in den Korpus der irdischen Welt immer weiter verstärkt. Es ließ mich erzittern und ich fühlte mich nicht länger allein in diesem sich ausdehnenden, unterirdischen Rhizom, dessen Wege nur mehr Irrwege zu erzeugen schienen. Nichts mehr wirkte wie von Menschenhand gemacht und ich spürte das tiefe Grollen, das mehr und mehr einem lebendigen Pulsieren glich. Dieses Innere erwachte allmählich zum Leben. Wo war ich? Und vor allem: Wer?

 

Ich erreichte die Höhle erst viel später. Das Ausmaß war unermesslich, beinahe unmöglich angesichts der Bedingungen, die hier vorherrschend waren. Ein blau-grünlicher Schimmer zeichnete die Schemen dieses fremdartigen Ortes nach. Ich schaute mehr oder minder von oben in das Höhlental, in dessen Zentrum ein auffälliger, turmartiger, weißlich schimmernder Strang von unten nach oben reichte. Äußerlich umringt von schweren metallischen Konstruktionen, offenbarte sich mir der Turm als Teil eines noch viel größeren Bauwerks. Strahlenförmige Metallvorsprünge führten vom Turm aus zu den mit einer weißlichen Substanz verstärkten Höhlenwänden, in welchen ich nun hunderte, vielleicht tausende, kleine Kammern – dunkle, kleine Aushöhlungen – erspähen konnte. Die Metallvorsprünge rotierten indes in einem gemächlichen Tempo, sodass nacheinander alle Kammern zugänglich wurden.

 

Das Bauwerk wirkte auf eine surreale Art und Weise unpassend, vor allem aber aufgrund des schweren Metalls, das sonst nirgendwo in der Tiefen Stadt verbaut wird. Die weißlichen Konstruktionen durchziehen das gesamte unterirdische Rhizom ohne Ausnahmen. Der Baustil der Metallteile glich keinem mir vertrauten, was mich annehmen ließ, dass es sich um kein von Menschenhand erschaffenes Bauwerk handeln konnte. Die Verbindungen von weißlicher Substanz und Metall wirkten fast organisch, so, als wären beide Materialien miteinander verwachsen. Ja, dieses ganze Ding wirkte lebendig. Und wie ich meine Gedanken schweifen ließ, drang diese fremdartige Szenerie immer tiefer in meine Wahrnehmung ein.

 

Ich hatte das irdische Terrain nun definitiv hinter mir gelassen. Das hier war fremd, beängstigend – ja, beinahe unheimlich! – und dennoch faszinierend, unglaublich einnehmend. Ich beobachtete dunkle, außerirdische Silhouetten, die in eiliger Geschwindigkeit zu den Außenstellen der Metallvorsprünge huschten und sich daraufhin zügig in die zugänglichen Kammern begaben. Ihre Koordination wirkte dabei wie ein verinnerlichter Tanz, wie eine komplizierte Choreographie, so komplex, dass ich annehmen musste, sie würde von einer noch viel größeren Quelle gesteuert. Eine Quelle, die den gesamten Superorganismus antrieb und dazu beitrug, dass jedes einzelne Individuum sicher von den Metallsvorsprüngen in die gesuchte Kammer fand.

 

Dieses ganze Bild wirkte surreal, fast albtraumhaft, da diese gesamte, seltsame Maschinerie wie von Geisterhand angetrieben zu sein schien. Wie selbstverständlich fand ein Jeder seinen Weg; alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Wie ein intelligenter Schwarm floss das lebendige Geschehen dahin und es schien mir so, als würde ich nur einem kleinen Ausschnitt eines viel größeren, bedeutenderen Mechanismus gewahr werden.

 

Diese Gedanken lenkten meine Aufmerksamkeit allmählich zu dem turmartigen, weißlichen Strang, der im Zentrum des Bauwerks ruhte. Die charakteristische, weißliche Substanz war hier besonders auffällig mit den stützenden Metallhalterungen verwachsen und pulsierte geradezu, so, als würde irgendetwas im Inneren der Strangs die große und aufwendige Rotationsbewegung sowie die Choreographie dieses außerirdischen Schwarms bizarrer Kreaturen antreiben. Und ja, in diesem zentralen Turm – so spürte ich es immer eindeutiger – ruhte eine Präsenz, etwas Mächtiges, Wachendes. Es war wohl das Muttertier dieser Wesenheiten – ihre Königin – deren Brut wohl behütet und versorgt wurde in eben jenen Kammern, die ich in der Höhlenwand erahnt hatte. Das hier war das Herz, der unterirdische Pulsschlag, der die Tiefe Stadt lebendig machte. Das ist die Innenwelt von Pollon und hier vollzog das geheimnisvolle Volk der Tiefe seine Metamorphose vom Ei zur Larve und von der Puppe zur Imago. Das hier ist nichts Totes, es lebt.“

 

 

Rekonstruktive Überlegungen

Zum pollonischen Nexus der Tiefen Stadt

 

Aufgrund seiner starken Ähnlichkeit zum benthamschen Panoptikum wurde die Funktion des pollonischen Nexus der Tiefen Stadt lange Zeit fehlgedeutet. So dient das äußerst große und eindrucksvolle Bauwerk nicht der Gefangennahme sowie Beobachtung einzelner Individuum sondern eher zur Aufzucht derer, indem es als Zugangapparatur die Brutpflege erleichtert. Die einzelnen Brutkammern befinden sich unmittelbar in der Höhlenwand, können jedoch nicht durch Tunnel oder andere Zugänge erreicht werden.

 

Diese lokal bedingte Unerreichbarkeit dient nicht nur zum Schutz der Brut, sondern auch zur optimalen Überwachung der einzelnen Brutkammern durch die Königin im zentralen Turm. Da die Larven sowie Puppen jedoch eine durchgehende Betreuung benötigen, müssen einfache und ökonomische Wege vorhanden sein, sodass jede Kammer temporär und ohne Probleme von den Versorgern erreicht werden kann. Die Umsetzung dieses Problems erfolgt über die Rotationsbewegung der sternstrahlenförmigen Metallstreben, deren Vorsprünge bis zu den Kammern reichen. Auf diese Weise ist jede Kammer regelmäßig und kurzfristig erreichbar.

 

Der pollonische Nexus ermöglicht eine permanente Versorgung von über tausend Eiern, Larven oder Puppen, die in regelmäßigen Zyklen die Stufen der Metamorphose durchlaufen. Die Ausmaße des gesamten Bauwerks belaufen sich auf einen ungefähren Durchmesser von etwa 70-90 Meter. Da die Metallstrahlen mit ihren jeweiligen Vorsprüngen sehr schmal sind, verlangt die Betreibung des pollonischen Nexus eine Choreographie, damit es nicht zu Staus, Unterversorgung einzelner Brutkammern oder anderen Problemen kommt.

 

Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt im Zentrum des pollonischen Nexus, den eine turmartige, weißliche Struktur bildet. Dieser Turm reicht vom Grund der Höhle bis zur Höhlendecke und stabilisiert damit das Gesamtkonstrukt.

 

Äußere metallene Träger und Verstrebungen, die aufwendig mit der weißlichen Substanz verbunden und nahezu verschmolzen sind, stützen die sternstrahlenförmigen Rotationsebenen. Der zentrale Turm ist Sitz der Königin, die von ihrem allsehenden Standpunkt aus die Arbeiterkolonien – vermutlich durch ausströmendes Pheromon – koordiniert, sodass eine optimale Versorgung der Brut gewährleistet ist. Durch diese komplexe Koordination agieren alle einzelnen Individuen wie ein intelligenter Schwarm. Alles greift ineinander und bildet einen komplizierten, organischen Mechanismus.

 

Über den Antrieb, der die Rotationsbewegung des pollonischen Nexus ermöglicht, ist jedoch nur wenig bekannt. Ein mechanischer Antrieb wird ausgeschlossen, ein Antrieb durch gebündelte Ley-Meridiane der irdischen Welt wird angenommen. Ungewöhnlich am pollonischen Nexus der Tiefen Stadt ist außerdem das metallische Material, welches auf diese Art und Weise in keinem bisher bekannten Bereich der Tiefen Stadt verwendet wird. Es wird daher vermutet, dass die gesamte Apparatur nicht irdisch ist und von ihren Betreibern auch nicht post Ankunft auf der frühen Erde erbaut wurde.

 

Die Theorie, dass die Kreaturen der Innenwelten seien durch ein Planetenbruchstück auf die frühe Erde gelangt, bestätigt damit die naheliegende Annahme, dass Teile der Heimatwelt durch das Planetenbruchstück im irdischen Gesteinskorpus eingeschlossen worden sein könnten. Die Rede ist vom pollonischen Nexus, welcher einige wenige Puppen barg, die im Gestein der irdischen Welt überdauerten um letztendlich zu erwachen und die Tiefe Stadt zum Leben erweckten.

 

 

Zu den Innenwelten von Pollon

 

„Das sind Welten im außerirdischen Dunkel, umwoben von silbrigem Nebel. Welten, jenseits der bekannten Welt. Sie ziehen dich an, locken dich, so, als würden sie dich verspeisen wollen – manchmal bizarr, dann wieder sanft. Letztendlich unheimlich, fremdartig. Das sind Orte, tief unter der Oberfläche und weit weg von allem, was vertraut erscheint – Orte, an denen der Pulsschlag der Zeit regiert. Das ist nichts Totes, sie leben. Das sind nicht nur Welten, das sind die Innenwelten von Pollon: Die Welt ist Geist und Geist erschafft Welt – deshalb ist Pollon. Das sind Welten, in denen etwas Uraltes herrscht – hier fließt der Schwarm durch die unendlichen Weiten der Ur-Tiefe und des Kosmos. Angst tötet den Schwarm, aber der Schwarm hat viele Gesichter. Am Ende jedoch, bist du – dort unten in der Tiefe von Pollon begegnest du dir selbst. Teilen davon und jedes Mal ein wenig mehr.“

 

Die Innenwelten von Pollon beschreiben eine reale und stoffliche Manifestation des Inneren derer, die sie aufsuchen und erkunden. Pollon entsteht damit aus sich selbst heraus: aus den Projektionen und Spiegelungen seiner Besucher. Die Tiefe Stadt ist Teil der Innenwelten von Pollon, womöglich sogar ihr Herzstück. Hier erwachen Anteile der unbewussten Tiefe, finden Form und durchlaufen Prozesse der körperlichen sowie geistigen Metamorphose. Die Innenwelten sind stofflich gewordener Geist, manifestiertes Innen im Außen und umgekehrt.

 

Der Schwarm ist die Quelle und die antreibende Kraft der Innenwelten. Er ist ebenso Manifestation des Inneren wie die Innenwelt selbst. Die Tiefe Stadt ist bevölkert von bizarren und insektoiden, mantisartigen Kreaturen außerirdischer Herkunft: Sie spiegeln in ihrem Dasein die unbewussten Anteile derer, die ihnen begegnen. Dieses organische Gefüge fließt und verändert sich mit dem, der es durchschreitet. Alles hängt zusammen – alles ist in Bewegung – alles ist Wandel. Der Schwarm spiegelt das unbewusste Selbst, den unerkannten Schatten: Eine Begegnung mit dem Schwarm der Innenwelten ist eine Begegnung mit dem Selbst. Das Innen fließt nach Außen und wieder zurück und bildet unter Faltung seiner selbst psychosomatische Manifestationen ein und derselben „inneren, gefalteten Welt“.

 

Die Gefaltete Welt beschreibt ein psychosomatisch manifestiertes Weltenszenario, das sich aus verschiedenen Versionen von ein und derselben „inneren Welt“ zusammensetzt. Die verschiedenen Versionen unterscheiden sich voneinander und verkörpern in ihrer Manifestation unterschiedliche psychologische Aspekte. Sie sind integrativ zu verstehen; einzelne Aspekte spiegeln sich daher in allen Versionen wider und bilden intersektionäre Verbindungen untereinander. Sämtliche Versionen dieser Innenwelt entstehen aus einem Faltungs- und Wechselwirkungsprozess zwischen Innen und Außen sowie durch Spiegelung und Projektion desselben. Wir sprechen daher nicht nur von einer psychosomatisch manifestierten, sondern ebenso von einer „gefalteten“ Welt.

 

 

Version 1: Klanglose Welt – Impuls & Aufbruch

 

„Es war völlig gleich, wie weit wir an der stürmischen und im Grau weilenden Küste entlang liefen, immer wieder kehrten wir zu dem Kreis aus kleinen, weißen Kieseln zurück, der von anderen, die vermutlich vor uns hier waren, in den Sand gelegt wurde. Mit den Dünen und steinernen Felsklippen im Rücken, blickten wir auf die raue Oberfläche der See. Zeichen schrieben wir in den Sand, aber das Meer trug sie alsbald fort. Pollons Ufer bereicherten und verunsicherten uns mit ihrer unheimlichen Stille, sodass gewiss war, dass dies keine andere als die klanglose Welt sein konnte. Im Unklaren darüber, was kommen würde, entschieden wir uns dazu, von hier aufzubrechen, auch da das rote und bedrohlich glimmende Gestirn in den grauen Himmel dieser klanglosen Welt aufstieg und das Firmament von Pollon über uns einzustürzen drohte.“

 

 

Version 2: Glühende Welt – Dynamik & Bewegung

 

„Es war nicht nur die Hitze, die uns zunehmend zu schaffen machte, sondern ebenso der Mangel an Wasser. Der hart gebackene Felsgrund umschloss das Erdreich und ließ kein Leben fruchten. Der Himmel glühte und zu keinem Zeitpunkt war ersichtlich, wo wir uns tatsächlich befanden. Glasartige Splitterformationen dominierten diesen feurigen Ort; sie spiegelten das Licht der Sonne und erzeugten kleine Schwelbrände. Wie uns geschehen würde, war uns noch unklar, als die glühende Welt begann, auch uns allmählich verbrennen zu lassen: Mit seinen staubigen, rotierenden Windsäulen, die aus einer Substanz bestanden, welche unser Blut beinahe zum Kochen brachte, begann dieser Ort uns im innersten Kern zu vernichten.“

 

 

Version 3: Pulsierende Welt –  Wandel & Metamorphose

 

„Wir registrierten ganz allmählich, dass die Flure und Gänge, in denen wir irrten, nicht vertrauenswürdig waren. Wege und Durchgänge, denen wir soeben den Rücken gekehrt hatten, verschwanden oder veränderten sich in jenem Moment, da wir nicht hinsahen. Wir verharrten beide in Erstaunen und Entsetzen, als wir den Wirkmechanismus einige Male heraufbeschwörten, um unsere Vermutung zu bestätigen: Was statisch und unverändert sein sollte, veränderte sich ohne Ausnahme, ohne jedoch einem nachvollziehbarem Muster zu folgen. Unser Hinsehen allein, machte es für diesen kurzen Moment manifest. Nicht direkt von uns wahr-genommen, veränderte das zuvor Gesehene seine Gestalt oder verschwand völlig in den unsichtbaren Hohlräumen dieser pulsierenden Welt, die uns zu verspeisen drohte.“

 

 

Version 4: Keimende Welt – Kontraktion & Reifung

 

„Wir konnten nicht verstehen, wie Leben hier unten möglich war. Ein fauliger Geruch wurde von den dunklen, dickflüssigen Wassern nach oben getrieben, aber wir waren im Begriff, tiefer zu sinken. Der Grund offenbarte Leere und im schwachen Schein lumineszierender Kreaturen, gebaren die Strukturen dieser unterseeischen und allmählich keimenden Welt merkwürdige, blasshäutige und uteral anmutende Gebilde. Wir erlagen einem Quell ehrfürchtigen Schreckens, als wir den gigantischen, weißlichen, metallisch schimmernden und aalhaft sich windenden Körper aus der Ferne herangleiten sahen.“

 

 

Version 5: Zeitlose Welt – Gewahrsein & Ruhe

 

„Dieser Ort glich keinem der anderen. Diese Welt, die ohne Zeit war, offenbarte uns ihre ganze, gottgleiche Anmut. In kosmischer Schwärze glitt der gigantische Schwarm dahin – wir waren Teil von ihm. Zu diesem Zeitpunkt wurde uns klar, dass das hier mehr ist als wir wahrnehmen. Ob Traum oder Tatsache, das eindringliche Wissen, das dieser Ort uns zu verabreichen schien, war echt. Ob Wahn oder Wahrheit, das hier war Energie in ihrer ursprünglichsten Form. Alles, was einstmals war, musste von uns zurückgelassen werden. Wir finden keine anderen oder treffenderen Worte für das, was wir erlebt haben. Nur solche unter euch, die es selbst gesehen haben, werden es verstehen können. Aber das ist keine Erlösung, das ist die Ewigkeit, durch die wir fortan stürzen müssen.“