Konversationen

 

Im hiesigen Gasthaus Zur Goldenen Katze unterhalten sich derzeit zwei Unbekannte. Nicht zu vernehmen ist der Anfang jener angeregten Konversation, aber das stellt überhaupt kein Problem dar. Auffällig ist, dass eine der beiden Personen immer in die Luft starrt, nämlich nach schräg links oben. Eine Eigenart der anderen beteiligten Person ist ein nervöses Zucken, das sich mal zaghaft und dann wieder aggressiv in ausladende Mimik und Gestik überträgt. Einen Grund zur Sorge gibt es aber nicht, denn die unerwarteten Unterbrechungen in der Präsenz schaden der Konversation nicht – im Gegenteil.

Dem gerichteten Blick wird derweil aufgefallen sein, dass der starrende Blick nicht ganz ohne Ursache ist. Ebenso wenig das zentralnervöse Zucken des Gegenübers. Dem wachen Geist mag das mikroskopisch kleine, rotierende Staubkörnchen ins Auge gefallen sein, das einen konzentrierten Strahl von Sonnenlicht ruckartig unterbricht und immer wieder nervös flackern lässt.

 

Das Ganze ist durchaus optisch ansprechend und vermag eine Ablenkung des fokussierten Geistes rasch herbei zu rufen. Das müssen auch die beiden Unbekannten bemerkt haben, denn sie spiegeln ja geradezu das Wesen dieses Staubkörnchens und sein gespaltenes Verhältnis zur Sonne, wohl ja, ohne es wirklich zu wissen oder zu durchschauen. Das macht diese Konversation aber wohl so unwiderstehlich.

Wirklich klug kann der aufmerksame Zuhörer dennoch nicht aus ihr werden. Stellt man sich vor, hier unterhalten sich zwei menschliche Geschöpfe oder aber göttliche Präsenzen, so vermag der Inhalt jener Konversation einer anderen Bedeutung folgen. Haben wir es mit zwei Fremden zu tun, zwei Feinden oder Freunden? Der wagemutige Denker mag darauf kommen, dass sich hier Osiris und sein Bruder Seth unterhalten oder aber Hades und Apollon. Letztendlich ungewiss, welch großartiges Alter dieses gesprochene Wort trägt. Oder auch nicht – wir wissen es nicht.


Wenn man einen gelassenen Blick durch das hiesige Gasthaus Zur Goldenen Katze gleiten lässt, wird einem schnell gewahr, dass nur wenige, kleine Fenster das Licht des Spätsommersterns herein scheinen lassen. Die Schatten der Krüge und Gefäße, die auf den Anrichten stehen, sind schon länger als noch vor wenigen Wochen. Bald werden sie doppelt so lang sein. Es ist nicht ganz eindeutig, jedoch lässt sich aus der Komposition der Tischgruppen und Gangwege eine gewisse soziale und wohl erwünschte Ordnung ableiten.

 

An einem winzigen, runden Holztisch, der direkt vor einem der kleinen Fenster drapiert ist, beobachten wir jetzt eine altbekannte Person, die gerade dort Platz nimmt: Zuerst sieht sie sich wissend und gleichermaßen unsicher um, legt den grauen Trenchcoat über die Rückenlehne des Stuhls und nimmt langsam und beinahe unnatürlich bedacht Platz, um sich dann erneut umzusehen. Die Vermutung liegt nahe, dass noch jemand anderes dazu stoßen wird.

 

Und da ist auch schon die erwartete Präsenz einer weiteren Person, die selbstbewusst und erhobenen Hauptes den zweiten Platz einnimmt. Der Blick wirkt hier sehr starr und auffordernd – vielleicht wird es eine Auseinandersetzung geben.

Während die Konversation so uneindeutig voran schreitet, mag dem eingenommenen Zuhörer, der von einer Tischgruppe weiter links her gelauscht hat, aufgefallen sein, dass sich das Sonnenlicht allmählich und jetzt doch sehr merklich zurück gezogen hat. Ein gräulich, gelblicher Schleier von Düsterkeit kriecht langsam durch die Fenster und verdunkelt die Räumlichkeit recht gleichmäßig.

Wie das unausgewogene Verhältnis von Macht und Unterdrückung, das die beobachtete Konversation versprüht, bleibt auch die schleichende Verdunklung des Raums nicht ohne Ursache. Durch das kleine Fenster über dem Tisch ist eine aufziehende und dichter werdende Wolkendecke zu erkennen, die rasch gen Westen zu ziehen vermag. Und auch die kleinen, elektrischen Lämpchen, die über jedem Tisch zierlich schaukeln, vermögen dagegen nichts auszurichten.

Wie zu erwarten, beginnt nun die unsichere der beiden Personen, hektisch um sich zu blicken. Die Hände ringen unterhalb der Tischoberfläche, das können jedoch nur wir erkennen, nicht aber das Gegenüber. Der gesenkte Kopf lässt dieses Gegenüber noch größer erscheinen, als es tatsächlich der Fall ist. Wen beobachten wir hier? Einen cholerischen Chef und seinen Angestellten, die kontrollierende Mutter und ihre jugendliche Tochter oder aber Chronos und Hypnos, die im gegenseitigen Gewahrsein den zyklisch heraufziehenden Schatten des jeweils anderen erkennen können?

Letztendlich verlieren wir auch hier den Blick auf das Eigentliche, das Eindeutige, das mehr und mehr verschwimmt und verwischt im heraufziehenden Dunkel des bedeckten Spätsommerhimmels. Was bleibt, ist das umgebende Zwielicht, in welchem die Konturen von Licht und Schatten allmählich vergrauen, um daraufhin ganz zu verschwinden.

Bedrückend und ausweglos muten die Worte der beiden Sprecher an. Fast resignierend, ja, wohl wissend und den Kampf aufgebend, blicken sie einer dunklen Wahrheit in ihr Antlitz. Um was es geht, ist ungewiss, aber es muss bedeutsam sein. Wie eine Blüte öffnet sich langsam, aber stetig das Auge der Erkenntnis.

Die Sonne steht schon jetzt viel tiefer und auch wenn sich die erdrückende Wolkendecke fast aufgelöst hat, so kriecht jetzt eine neue, feindselige Präsenz von außen an dieses Gebäude heran. Mit Blick zu den kleinen Fenstern, streift man auch unweigerlich eine große Wanduhr, deren messingfarbenes Ziffernblatt schon matt und stumpf anmutet. Die Zeiger sind stehen geblieben, vielleicht schon vor Tagen. Es hat wohl niemand bemerkt.

Aber unbewusst und kollektiv kriecht dieses Wissen wohl in die Ausdrücke der beiden konversierenden Personen, die heute gesichtslos bleiben müssen. In ihren Worten schwingt eine uralte Ehrfurcht vor dem zerstörerischen Ende – es zeigt sich zunächst in den kleinen Veränderungen. Sie sind ja kaum mit dem Auge auszumachen, das macht sie ja wohl so unwahrscheinlich tückisch.


Im hiesigen Gasthaus Zur Goldenen Katze ist es am heutigen Abend sehr schummrig geworden. Die untergehende Sonne hinterließ nicht zum ersten Mal ein unübersehbares Gefühl der Bedrückung. Irgendwann würde sie zum letzten Male untergehen. Aber was würde zur Morgendämmerung wieder heraufsteigen? Vielleicht ein anderer Stern, ein dunkler. Oder aber eine goldene Sphäre.

Unser Blick wird von einer stattlichen Figur angezogen; sie betritt an diesem leicht kühlen Abend sehr selbstbewusst das Gasthaus und läuft strikt auf einen der Tische zu, die im Zentrum der Räumlichkeit angesiedelt sind. Das ist uns neu, denn üblicherweise bevorzugen die Gäste die geschützten und heimeligen Tischgruppen in den Ecken oder aber in Nähe der Fenster, aber diese gleichen ja zu dieser Uhrzeit nur einem schwarzen Spiegel.

 

Die Gestalt, die wir noch immer beobachten, wirkt schwer und macht wohl nicht nur auf uns Eindruck. Ja, wohl fast übermächtig wirken der gewaltige Körper, das breite Kreuz und die wurstigen Finger an den zähen Händen. Die Augen funkeln stechend; grünlich und klein, wie Katzenaugen aus Glas sitzen sie in tiefen Augenhöhlen, die schattig umflutet werden.

Wir können uns fragen, welche Art von Konversation ein solches Wesen zu führen im Stande ist. Und in diesem Moment betritt eine weitere Gestalt das hiesige Lokal. Auf den ersten Blick erscheint sie ausgemergelt, aber das täuscht. Der langgezogene, drahtige Körper bewegt sich jetzt ja äußerst elegant auf den Tisch im Zentrum der Räumlichkeit zu und hält schon überzeugend Blickkontakt mit der dort einnehmenden Übermacht. Dieser Blick hält lange Stand und versprüht eine elektrische Energie, die wohl auch schon die anderen Gäste bemerken und offensichtlich spüren.

Im hiesigen Gasthaus Zur Goldenen Katze ist es still geworden, da ja nun schon alle Gäste den Heimweg angetreten sind. Alle bis auf zwei verbliebene, dunkle Schatten, die sich im ganz hinteren Bereich einer kleinen Sitznische aufhalten und kaum zu erkennen sind – wie lange sie wohl schon anwesend sind? Wir können nur ihre Stimmen vernehmen, die kaum Rückschlüsse über die beiden Figuren zulassen, klingen sie doch beinahe identisch: Zart, mit einer unberechenbaren Tiefe, die einen Resonanzkörper entstehen lässt, einen gewaltigen Hohlraum, der schon bald alles verschlucken könnte – wir können es ja nicht wissen. Und sie konversieren ja so gemächlich und auch eindringlich, dass wir jetzt nicht mehr weghören können.

Aus unerklärlichem Grunde sind die beiden Stimmen nun ja so leise geworden, dass wir nichts mehr verstehen können. Und als wir das registrieren, senkt sich auch schon ein dunkler, tiefgrauer Schatten über unser Sichtfeld und lässt die gesamte Szenerie – der wir doch so verfallen gewesen sind – einfach verschwinden. Nur die letzten Worte der schattenhaften Gestalten bilden jetzt ein unheimliches Echo, das in uns widerhallt – Wir werden nicht wiederkehren, Vermutlich nicht – und den Gedanken in uns aufsteigen lässt, dass all das hier vielleicht niemals real gewesen war.

 

Und wir können ja jetzt auch wirklich in Betracht ziehen, dass all die konversierenden Gestalten keine anderen waren, als wir selbst. Aber das erscheint uns nur allzu eingebildet, weshalb wir von dieser Überlegung vorerst wieder absehen werden.

Noch immer umgeben von dieser merkwürdigen tiefgrauen Umgebung, in der es nichts mehr zu geben scheint außer uns selbst und das noch immer widerhallende Echo, sinnieren wir noch einmal gründlich über die Konversationen – wen oder was haben wir denn gesehen? Und was wird jetzt geschehen oder ist schon längst geschehen? Wir müssen nachdenken, denn wir können es ja nicht wissen. Und ja, wohl nicht weit von hier, erhebt sich nun ein ungewöhnlicher Umriss in der Ferne dieses Nichts und wir entscheiden uns dazu, auf diesen Umriss zuzulaufen, weil wir ja jetzt gar nichts mehr zu verlieren haben.


Wo einstweilen das hiesige Gasthaus Zur Goldenen Katze aufzufinden war, liegt ja jetzt immer noch schwer und bedrückend der tiefgraue Schleier über uns. Unsere Schritte werden unendlich lang, weil wir ja jetzt schon arg lange auf den ungewöhnlichen Umriss in der Ferne zulaufen. Dieser Weg scheint jetzt aber immer länger zu werden, je näher wir der Erscheinung insgesamt kommen. Dem geschulten Auge fällt jetzt offensichtlich auf, dass es sich bei dem Umriss um eine Gestalt außerordentlicher Art handelt. Irgendwie erscheint sie uns vertraut, aber wir können nicht erahnen weshalb.

Erst, als wir ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, erkennen wir die Bedeutung all dessen hier. Und dieses Wesen blickt uns nun ganz eindringlich an – sein Antlitz flackert unheimlich – und formt sich, ja wohl zu einem prächtigen Spiegelbild. Wir stehen jetzt ja niemand anderem als uns selbst gegenüber.

Ein Rauschen trägt jetzt eine vertraute Kulisse an uns heran und wir sind ja schon wieder im hiesigen Gasthaus Zur Goldenen Katze angekommen. Jemand, der wohl schon länger anwesend war und es jetzt sehr eilig hat, verlässt soeben das Gasthaus, aber unsere Augen sehen noch nicht ganz klar. Aber dann, ja, wohl nur ein kleiner Rest eines schwarzen, wehenden Umhangs erhaschen wir noch ehe die geheimnisvolle Figur vollkommen verschwindet. Und mit ihr eine unerklärliche Kälte, die sich ja schon zwischen den Tischen und Stühlen niedergelassen hatte.

Irgendetwas hatte sich verändert.

 

Was die wahrgenommenen Sprecher gesprochen haben, entnehmt ihr bitte dem Original:

Download
Konversationen
Wahrgenommene Gespräche am Rande der Zeit
Konversationen.pdf
Adobe Acrobat Dokument 125.9 KB