Faltungen

 

Alles beginnt damit, dass ich auf eine Tür zulaufe, die kleiner wird, je näher ich ihr komme. Aber die Beobachtung täuscht mich und letztendlich erreicht meine Hand die metallische Klinke, öffnet die Tür und ich überschreite die Schwelle. Ich gelange in einen Raum, dessen Boden einem übergroßen Schachbrett gleicht.

 

Lauter Treppen erscheinen im Feld meiner Wahrnehmung und sie bewegen sich fließend, schmiegen sich an den endlos hinaufsteigenden Wänden entlang und vollziehen dabei dreidimensionale Drehungen und Verwirrungen – wie riesige Helixe, die aus den kleinsten Zellen des Lebens entsprungen sind. Steinerne, filigran geschwungene Torbögen und Säulen sprießen derweil aus der Luft und sie verbinden sich ungewöhnlich mit diesen Treppen, die immer tanzender und rhythmischer sich umeinander schließen und allesamt unmögliche und paradoxe Erscheinungen bilden.

 

Ich betrete nun eine dieser Treppen und das Schachbrett unter mir beginnt sich wellenartig zu verzerren als sähe ich auf die Oberfläche eines tiefen Wassers. Die Treppe trägt mich höher, doch ihre Stufen klappern, zucken und rucken mit kurzen, schnellen Hieben wie die Zahnreihen einer riesenhaften Kreatur. Dabei bildet alles, was ich nun ersehen kann ein fantastisches Kaleidoskop, eine Vermischung von allerlei Sinnesbildern, die einen seltsamen Rhythmus durch mich hindurch pulsieren lässt. Ich lasse mich fortan tragen von diesem eigenartigen Puls und ersehe eine gewaltige Steinsäule, die nun bedrohlich vor mir aufzuragen sich drängt.

 

Turmartig und schlingernd schiebt sie sich in die Höhe und sie gleicht dabei grotesk dem sich windenden Körper eines Raupentieres, das zur Verpuppung sich bereit macht. Ich will versuchen, diesem steinernen Ungetüm noch auszuweichen und das gelingt mir. Im Takt der rhythmischen, wogenden Bewegungen der Treppe, auf der ich noch immer festen Stand habe, halte ich die Säule mittels Kraft meiner Gedanken dazu an, sich selbst zum Einsturz zu bringen und ich muss erkennen, dass nicht der Turm nun stürzt, sondern ich selbst. Und ich falle sehr tief und ich sehe das Schachbrett etliche Meter unter mir und ich stürze darauf zu, immer eiliger, doch je schneller ich werde, desto weiter entfernt sich dieser Boden, der irgendwann ganz verschwindet.

 

Aber da ich nun zwischen sich windenden und wendelnden Treppen mich befinde, die verkeilt und verschmolzen mit den Säulen, Torbögen und Brückengebilden absonderlicher Art umherschlingern, entscheide ich mich wohl dazu, die Augen zu schließen und damit endet der Tanz dieser kaleidoskopischen Anordnung und etwas, das ich nicht mit Worten beschreiben oder benennen kann, trägt mich fort von hier.

 

Diese neue Umgebung gleicht einem alten, mit dunklen und gewaltigen Möbelstücken errichteten Werkzimmer. Holzige und mit verstaubten Büchern beseelte Regale lehnen sich eng an die hohen Wände und ein Raunen und Flüstern entgeht stetig diesen Schriften, die schon ewig Teil dieses Ortes sind. Ich beginne, durch diesen prachtvollen Raum zu schreiten, der größer zu werden scheint, je mehr ich mich selbst ihn ihm ausdehne.

 

Jetzt betrachte ich auch die Wände und sehe, dass gerahmte Insekten sie verzieren. Sehr dicht und zahlreich belagern diese toten Kreaturen die Wände und auch hier vernehme ich ein Raunen und Knistern, sodass ich noch näher hinsehen will. Einen majestätischen Atlasfalter habe ich auserkoren und schenke ihm meine ganze, gebündelte Aufmerksamkeit. Seine geschwungene Form und visuelle Darbietung nimmt mein Sichtfeld ganz ein und ich spüre, dass sich jenseits seiner Formen etwas bewegt. Klappernd und dumpf beginnen jetzt nämlich die Rahmenstrukturen zu vibrieren.

 

Der Atlasfalter scheint seine Präsenz einwirksam auszuweiten und schlussendlich bricht die Fassung seiner Aufhängung und auch die anderen Rahmungen splittern und reißen berstend auseinander. Es ist ein fürchterlicher Krach, der schneidend und donnernd sich durch meinen Körper fortpflanzt. Aber der Atlas beginnt ja nun zu fliegen und hunderte – vielleicht auch tausende – andere kleine Krabbler verlassen ihre Fassungen und bilden eine gigantische Schar, die mich nun mitreißt.

 

Ich bin ja schon diesem Schwarm verfallen und folge ihm daher in die tiefer gelegenen Gefilde dieses Hauses. Dunkel und kalt wird es zunehmend und steile Schächte führen tief hinab. Die Decken sind hier sehr niedrig, sodass ich meistens gebückt mithalten muss, denn ich folge ja noch immer dem Schwarm der Krabbler und weil ich befürchte, mich ausweglos zu verirren, führe ich meine Hand an der erdigen Wand entlang. Und irgendwann erreichen wir tatsächlich eine Treppe, die sich geradewegs nach unten schraubt und natürlich beschreiten wir sie, denn einen anderen Weg gibt es ja gar nicht.

 

Aber wirklich seltsam ist, dass die Treppe gar nie zu enden scheint, im Gegenteil scheint diese steinerne Schraube fortan zu expandieren. Und dadurch bleibt der ganze Schacht nicht gleich tief, sondern wird tiefer und auch die selbstähnliche Aufmachung dieses Treppenschachts wirkt auf mich höchst absonderlich, denn was wäre davon zu halten, wenn ich den gleichen Abschnitt der Treppe immer und immer wieder beschreite, als ahnungslose Gefangene einer unmöglichen und paradox konstruierten Treppe ohne Anfang und ohne Ende?

 

Meine Überlegungen scheinen mir sehr plausibel, weshalb ich jetzt auch erkennen muss, dass nicht die Treppe ohne Anfang und Ende ist, sondern ich selbst. Dieser Gedanke muss augenblicklich einen Spalt in Raum und Zeit erzeugt haben, da ja nun alles Sinnbildliche zerfällt und zerbröckelt und mich allmählich in einer schwarzen und parasitär sich vermehrenden, dickflüssigen Leere zurücklässt. Und ich finde mich ja schon wieder in den hallenden und kühlen Gewölben eines tief gelegenen Höhlensystems, dessen Ausmaß ich nicht erahnen kann.

 

Aber das ist eine merkwürdige Gestalt, die ja jetzt auf mich zukommt, beinahe königlich und doch irgendwie schauderlich. Für mich ist gar nicht ersichtlich, ob das prächtige Gewand lediglich einen ausgeprägten, weiblichen Körper umwebt oder ob die edlen Lagen bizarrer Stoffe den fruchtbaren Leib einer Insektenkönigin verbergen. Ihr Gewand schließt ja rückseitig mit zwei auseinander klaffenden Seidentüchern, die in einen weiten Gehrock münden und einem filigranen Flügelpaar recht ähnlich anmuten. Auch werde ich nun ihrer ungewöhnlich weiten und langen Ärmel gewahr, die ja womöglich die zierlichen - wenn auch stark gekrümmt zu sein scheinenden - Arme verhüllen.

 

Mein forschender Blick nimmt jetzt auch unweigerlich ihre gesamte fremdartige Gestalt wahr: Ihre Bewegungen erscheinen mir ganz merkwürdig starr und sie gleichen ja fast denen einer hölzernen Schachfigur, welche wie durch eine unsichtbare Mechanik ruckartig und zuckend bewegt wird. Aber in ihren kleinen, schwarzen Augen lodert ja schon eine gefräßige Hitze, die bald alles verzehren will. Und sie schwebt geradezu über den steinernen Grund, so, als würde ihr Körper von mehr als zwei Beinchen getragen werden. Fremde, bizarre Rhythmen umgeben ihre Präsenz, füllen sie mehr und mehr aus und verwandeln ihre Erscheinung in eine ganze Welt.

 

Ich bemerke ja schon, wie ich ihr verfallen muss und wie sich ihre gesamte Aura immer tiefer in meine Wahrnehmung hineinbohrt. Jetzt tanzen ja schon wahnhafte Bilder vor meinem inneren Auge und während sie immer tiefer in mich hineinblickt, erahne ich, dass ich meine Worte für das hier allmählich verliere. Dröhnend pulsiert der scheußliche Rhythmus dieser Entität in meinen Venen und er synchroni-siert mich ja fortwährend mit der Quelle, sodass ich allmählich zerfließe. Überall nur Zähne, Augen und Feuer, erschüttert von einer unermesslichen Tiefe, mit der ich jetzt endgültig verschmelze, da ich mein Gesicht vor ihrem Antlitz verlieren muss. Ich bin ja jetzt schon eins mit ihr und kann nicht anders, als mich selbst zu zersetzen bis nichts Körperliches mehr bleibt von mir.

Allerlei Treibgut und ein auffälliger Steinkreis bevölkern die sandigen Ufer, die das Wasser schon lange nicht mehr erreicht. Unlesbare Zeichen schreibe ich in den Sand, aber sie verschwinden sogleich und werden verschluckt von diesen feinen Körnchen, in denen sich das Licht des roten Himmelskörpers heiß und lodernd bricht. In der Ferne ersehe ich jetzt etwas Glänzendes und deshalb laufe ich darauf zu und verstehe dann, dass es sich um einen ungewöhnlich großen und goldenen Koikarpfen handeln muss, der schwerelos in der Luft und ganz in der Nähe des Ufers verweilt.

 

Das zauberhafte Wesen hatte wohl schon länger hier gewartet. Diese fantastische Kreatur, dessen Herkunft ich mir nicht erklären konnte, blickt ja aus großen, schwarzen Augen, in denen nichts als Stille und die unaussprechliche Komplexität aller Existenzen wohnt, und vielleicht noch etwas anderes. Ein stimmloser Singsang entgeht der Präsenz dieses Fisches und weil ich mehr verstehen will, sitze ich auf, sodass mich diese außerordentliche Wesenheit nun weit über das offene Meer hinaus trägt.

 

Allmählich kommt es dazu, dass wir die klanglosen Ufer verlassen und in graue Wolken aufsteigen und auch hier verändert sich nach und nach alles, was ich wahrnehmen kann. Hunderte und vielleicht auch tausende von gerahmten Bildern entstehen nun um uns herum und sie vervielfachen sich, wuchern und kristallisieren wie bunte Scherbensplitter in einem kaleidoskopischen Apparat.

 

Vorzüglich und surreal mutet dieses Geschehen an und formhafte Bildgebungen erwachsen in den schweben-den Rahmen und ich versuche, sie alle genau zu erfassen. Und da sich nun ein sonderbar großes Bild vor uns zusammensetzt, sehe ich besonders genau hin und ich erkenne nur mich selbst, denn all die Bilder sind bloß Spiegel, in welchen ich mich selbst unwiderruflich und unaufhörlich widerspiegele. Und der große, beinahe bedrohlich anmutende Spiegel voraus, hebt nun an, durch mich hindurch zu fahren, aber eigentlich ist es genau umgekehrt, weil ich nun selbst die Oberfläche des Spiegels passiere.

 

Und ich fließe dabei, denn das Spiegelwesen enttarnt sich sogleich als ein warmes, flüssiges Silberwasser, das mich tiefer gleiten lässt zum Grund all dieser Existenzen und Entitäten, dessen Namen niemand wissen kann. Sich windende, aalhafte Kreaturen begleiten mein Hinabsinken und blicken aus runden, schwarzen Augen, die nichts als das Universum bergen – in ihnen spiegeln sich all die Seelen und Welten, denen wir Namen gegeben haben. Aber diese Kreaturen sind ja auch uralt und gleiten schon seit Äonen durch die Wasser des Lebens und auch durch die tiefsten Meere der fernsten Welten.

 

Ich schwebe jetzt gar gleichmäßig und schon lange Weile, bis ich mich selbst verwandele und ihnen fast ähnlich werde. Dadurch gleite ich nun äußerst mühelos und fast auch majestätisch durch die stillen Tiefen dieses geheimnisvollen Wassers. Bizarre und fantastische Gärten, filigran und wie aus Glas geschliffen, offenbaren sich jetzt schemenhaft am Grund. Sie beginnen, sich klarer hervorzuheben und lassen mich staunen, und auch bekümmern sie mich mit ihren scharfkantigen, splittrigen Fortsätzen, die wie auskristallisierte Reißzähne diese unterseeischen Hügel bevölkern. In ihren gläsernen Formen lodern wilde Fratzen und vergessene Traumbilder.

 

Und auch diese Erscheinungen bohren sich immer tiefer in meine Wahrnehmung, pulsieren durch meine veränderte Gestalt hindurch, nehmen allmählich Besitz von mir und heben dazu an, mich jetzt auch ganz zu verspeisen, bis nichts Körperliches mehr bleibt von mir. Ich schwebe hinfort, sinke tiefer hinab. Und ich treibe, gleite, fliege bis zum Rande der Zeit. Aber hier gibt es keine Wege mehr, nur lautlose Bewegungen, die uns wiegen.