Wege in das Untere

 

Ich blicke aus dem Fenster und sehe nicht die Welt. Ein Zucken am Horizont, ein Glimmen und ein subtiles Rütteln und Schütteln, das durch die Wände fährt. Ich versuche, zu verstehen und zusammenzusetzen, was auseinander gerissen wurde. Aber es will mir einfach nicht richtig gelingen und mich beschleicht das Gefühl, als stünde ich zu nah am Rande. Es wird keinen Ausweg geben und die Flure in denen ich irre, werden länger werden. Viel länger. Länger und immer dunkler. Ich sehe etwas in den blinden Flecken dieser Finsternis, die schwer wie ein Tuch über allem zu liegen scheint. Es bewegt sich. Wie eine unauffällige Anomalie, kaum mit dem Auge auszumachen. Und ich spüre, es lebt.

 

Es begann vor einer Weile. Seither beobachte ich feine Rinnsale, die sich durch die spröden Dichtungen der Fensterrahmen schleichen. Etwas dringt von außen herein ins Innere – ich kann es nicht mehr aufhalten. Und dieses Ding lässt mich nicht schlafen, denn wieso hatte man mir die Falltür und den stinkigen Schacht, den sie verbirgt, vorenthalten? Im Boden grollt diese unheimliche Ferne, eine dunkle und unermessliche Tiefe. Dazu tanzen und zappeln sie, beinahe maschinell und digital, diese grässlichen Scheusale der Finsternis – sie beten und huldigen in wahrhaftiger Ehrfurcht vor dem Leviathan. Und ja, um Gottes Willen, es ist der Schacht! Ein kalter Luftzug riss dort an mir und ich glaube, dass etwas entwichen ist. Ich fürchte, dass es böse ist.

 

Heute Nacht habe ich Schritte vernommen und es war ganz sicher kein Traum. Das sind keine Wahnvorstellungen! Aber niemand hier. Nur leere Zimmer, der Flur und der Schacht. Jetzt nicht mehr verriegelt, sondern weit geöffnet. War ich es denn selbst gewesen, im Zustand später Umnachtung? Kalte Luft strömt mir entgegen, dumpfe Trommelschläge und andere fremde, scheußliche Rhythmen beginnen im Mauerwerk dieses Hauses widerzuhallen. Sie bringen mein Herz dazu, eiliger zu schlagen.

 

Nun, dieser Schacht: Eine gewöhnliche Treppe führt wohl hinunter und dieser un-räumliche Abgrund blickt geradezu in mich hinein. Er absorbiert mich und der Abstieg gestaltet sich schwierig. Die Enge des unbefestigten Schachts nimmt stetig zu und der Weg führt mich lange Zeit tiefer hinab. Ein traumähnliches Gefühl begleitet mich und die Mauerwände verwandeln sich allmählich in lehmige, scheinbar pulsierende Befestigungen und aufgrund der Dunkelheit, die meine Augen trübt, führe ich meine Hand an der Wand entlang. Wabernd und warm scheint sich diese zu regen, so, als flösse dunkelrotes Blut durch den Stein. Flüchtige Rinnsale von warmem Wasser überziehen ihn und sickern hinab in diesen lehmigen, steinernen Korpus.

 

Es scheint so, als würden Hände mit langen, dürren Fingern aus den Wänden hinausragen und nach mir greifen. Tausende Hände und manchmal auch Augen. So viele Blicke, dass man sagen könnte, die Wände haben Augen. Und Zähne. Viele. Es ist die Finsternis selbst, die ich fürchte. Tausend schwarze Augen und unendlich viele Blicke. Kein Entkommen, kein einziger Wimpernschlag, nur Starren. Und Leere. Und Angst. Türen schlagen auf und zu – lauter, eindringlicher – und die Gänge dehnen sich weiter aus während die Wände auf mich zuzusteuern scheinen. Die Schatten hier unten werden immer länger. Sie kommen mir dunkler vor. Jemand verirrt, irrt und verwirrt sich recht. Ganz allmählich beginne ich, etwas zu vergessen, an das ich mich schon jetzt nicht mehr erinnern kann. Und auch bleibt dieser Schacht nicht immer gleich tief.

 

Die Angst zwingt mich, zu vergessen. Aber ich muss mich erinnern, muss ans Licht bringen, was verborgen liegt – da unten – noch immer verhangen von Schwärze und starrender Dunkelheit. Es lag hier ewig, aber es ist nicht tot. Es verweilt still, wie die Ruhe vor dem tobenden Sturm – der Finger Gottes – der uns alle vernichten wird. Früher oder später, wenn alles zusammenfällt und im Winde der Welten verweht. Das hier nimmt mir unerklärliche Ausmaße an: Wege, nur mehr Wege und Irrwege, am Ende des Weges neue Abzweigungen. Das hier weist kaum vertraute Strukturen oder Eigenschaften mehr auf und dieser gesamte unterirdische Korpus offenbart mit jedem weiteren und tieferen Ein- und Hineindringen eine unglaubliche und beinahe unbeschreibliche Komplexität. Eine Orientierung scheint mir zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich. Ich will nicht glauben müssen, dass ich verloren bin, aber ich habe vergessen, wer ich gewesen bin. Nichts hier unten scheint von Menschenhand gemacht zu sein.

 

Ich beginne schneller zu laufen, durch schwarze, dickflüssige Blutlachen. Immer weiter, panischer und ohne Atem. Paradoxerweise: Am Ende des Korridors wuchern wieder neue Wegabzweigungen. So wiederholt es sich, wie in einer Endlosschleife. Ich will mich befreien und endlich heraustreten aus diesem abscheulichen Gefüge, aus diesem psychotischen Schwarm, der mich verzehrt. Alles scheint zu glühen, aber ich bleibe grau, bleibe ein kaum wahrnehmbarer Schatten an diesem Ort, der schon längst verloren geglaubt ist. Ja, bin ich nicht selbst Mensch (gewesen)? Ich habe es vergessen. Alles nur noch leere, digitale Worte.

 

Das Getriebe dieser steinernen Maschinerie zermalmt mich. Entrastert mich mit vielen Zähnen und fauliger Speichel zersetzt mich. Das Untere lebt. Es verspeist mich mit Haut und Haar und wie ein Virus befällt es mich. Ihn herauszuschneiden ziehe ich in Erwägung, die Haut langsam abschälen und das tote Gewebe sich ablösen lassen. Mit der Zeit kommt alle Fäulnis ans Licht. Aber es tut zu weh. Und ich frage mich: Was bleibt eigentlich von mir, wenn das hier ein Ende nimmt? Welches Sterben wird erträglich sein?

 

Ich brülle, doch meine Schreie werden einfach verschluckt von diesen Wänden, die sich immer enger um mich schließen und mich weiter abzuschneiden drohen. Etwas Dunkles quillt schon bald aus den toten Winkeln dieser Umgebung hervor. Es wird die Welten unter sich begraben – sie erwarten es bereits. Was dann folgt, ist Ungerichtetes und ich frage mich, wie viel von dieser Wahrheit kann ich noch ertragen? Das Gefiepse und Gepiepse jener fremden Geschöpfe passt sich ein in diesen finsteren Chor, der in meinen Ohren kreischt. Wie Teufelslieder vor dem Herrn – Gott ist tot! Gott ist tot! Aber, welche Gottesgestalt hätte es so gewollt?

 

Bereits jetzt beginnen die Wände, Risse zu bilden. Immer tiefer graben sich diese Furchen in den Stein dieses Unteren. Wie bestialische Klauen in weiches Fleisch. Aber aus den Wänden tritt kein Blut aus. Nur noch mehr Finsternis. Noch viel dunkler als jemals zuvor. Es ist überall. Und doch nirgendwo. Und ich? Ich werde selbst zu dieser Dunkelheit, zu diesem Unten, das weder rechts noch links, noch hinunter oder hinauf vereint – alles wird amorph und alles wird eins. Aber alles wird nichts und ich erreichte die Höhle nach einer gefühlten Ewigkeit. Das Ausmaß ist unermesslich, beinahe unmöglich angesichts der Bedingungen, die hier vorherrschend sind. Ein blau-grünlicher Schimmer zeichnet die Schemen dieses fremdartigen Ortes geisterhaft nach.

 

Ich blicke mehr oder minder von oben hinab in das Höhlental, in dessen Zentrum ein auffälliger, weißlich schimmernder Materiestrang von unten nach oben reicht. Monolithisch und äußerlich umringt von schweren und mit merkwürdigen Symbolen verzierten, metallischen Konstruktionen, offenbart er sich als Teil eines noch viel größeren Konstrukts. Strahlenförmige, rotierende Fortsätze aus Metall führen zu den mit einer weißlichen Substanz verstärkten Höhlenwänden, in welchen ich nun hunderte, vielleicht auch tausende, kleine Kammern – die wie gierige, schwarze Insektenaugen blicken – erspähe.

 

Dieses gesamte Gebilde, das mir ein Quell unbeschreiblichen Schreckens war, wirkt ganz und gar extraterrestrisch und die Verbindungen von weißlicher Substanz und Metall scheinen organisch zu sein, so, als wären beide Materialien miteinander verwachsen. Ja, dieses ganze Ding wirkt lebendig. Meine Gedanken beginnen zu wandern: Sie lassen diese äußerst traumgleiche, un-lichte Szenerie immer tiefer in meine Wahrnehmung eindringen. Alles wird beinahe psychotisch und wandelt sich zu schillernden Bildgebungen eines wahnsinnigen Fantasten. Ich beobachte dunkle, außerirdische Silhouetten, die eilig zu den Außenstellen der metallischen Fortsätze huschen und sich daraufhin zügig in die äußerlich gelegenen Kammern begeben. Ihre Koordination wirkt wie ein verinnerlichter Tanz und so unfassbar komplex, dass ich nun annehmen muss, sie würde von einer noch viel größeren Quelle gesteuert werden.

 

Wie ein intelligenter, pulsierender Schwarm fließt das Geschehen dahin und was ich wahrnehme ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren und bedeutenderen Mechanismus. Und ja, in diesem zentralen Turm ruht wohl das Muttertier dieser Wesenheiten – ihre Königin – die zweiköpfige Eskalate und Ambrosia, deren Brut in eben diesen Kammern, die ich in der Höhlenwand erahnt hatte, herangezüchtet wird. Das hier war ein Herz aus Stahl, der unterirdische Pulsschlag, der diese Tiefe lebendig macht. Hier unten vollzieht dieses scheußliche Volk der Tiefe seine Metamorphose vom Ei zur Larve und von der Puppe zur Imago. Nur sie selbst und ihre grausamen Götter können es erklären.

 

Das hier ist gewiss nichts Totes, es lebt. Es befällt jeden einzelnen Winkel dieses ausweglosen Gefüges. Und sie winden sich noch immer, verborgen in der Dunkelheit. Alles wird bruchstückhaft und auch ich beginne, endgültig zu zerfallen. Es ist so: Das Wasser sickert durch den Boden, überschreitet die Grenze von ober- und unterhalb. Die Wurzel nährt sich und wird stark. Ihre letzten Ausläufer reichen weit, viel weiter als jemals angenommen. Wie wuchernde Wegverläufe, die sich kreuzen, sich aufheben, sich verstärken und sich verbinden. Aber diese Wege sind nicht eindeutig, sondern vielfach. Ich habe vergessen, wer ich bin.

 

Und wer kann ich jetzt noch sein?

 

Ich frage mich: Wer setzt die elenden Bruchstücke wieder zusammen? All die scharfkantigen Scherben, die das Grauen nur noch weiter spiegeln und dann tausendfach auf mich selbst zurück reflektieren. Das hier ist nicht für die Außenwelt gedacht. Wirklich nicht. Meine Augen brennen, weil das Licht sie blendet – zum ersten Mal sehe ich klar: Ich weiß, das Ende naht. Und wer dieses Gesetz geschrieben hat, muss wahrlich wahnsinnig sein, denn alle Grenzen lösen sich jetzt auf, sodass der enge Raum sich weiten kann. Aber das ist Verlorenheit.

 

Das ist die Ewigkeit, durch die ich stürze und mich allmählich selbst verliere und ich erreichte diesen unbekannten Ort nach einer gefühlten Ewigkeit. Die Flure waren hier sehr still, einsam und verlassen. Blasser, wabernder Schein beseelte die lehmigen Wände. Hier herrscht Ruhe, Weisheit, Anmut und Kraft, und inmitten dieses fantastisch anmutenden, steinernen Gewölbes ruht der namenlose Leviathan dessen rot-gold geschuppter Körper das Herz dieses gigantischen Gefüges bildet. Sie nennen ihn Thûn. Rot pulsierend im tiefen Schwarz dieser unendlichen Weite ist Thûn der Stern, das Herzstück dieser Welt im Stein. Das ist die Quelle all dieses Lebens, das der Stein hervorbringt und das lodernde und fegende Feuer, das mich nicht verzehren, sondern gänzlich nähren wird.

 

Werde ich Mensch?

 

Seht die Fragmente meiner Erinnerung – unzählige Bruchstücke – die ich Stück für Stück zusammensetze. Und alles zusammen ist die Welt und der Weg, den ich gegangen bin. Das waren keine Irrwege, sondern Auswege – Wege in das Untere, Wege hinein. In diesem Innen begegne ich mir selbst. Teilen davon. Und als wäre das alles ein fast vergessener und schon lange Zeit geträumter Traum, reißt mich diese jähe Einsicht aus einer Art Trance, in die ich wohl unvernommen hinein gesunken war. Das stete Tropfen eines undichten Wasserhahns vernehme ich dumpf und wohlbekannt aus dem Nebenraum. Ein leises Knistern kriecht jetzt auch durch das Mauerwerk. Das Haus hält seine Nachtruhe und Alben hatten mich wohl geplagt. Grässliche Bilder, an die ich mich nur ungern erinnern will, zucken noch immer vor meinem inneren Auge.

 

Benommen ersuche ich den Lichtschalter, ertaste dabei den Weg im dunklen Flur und knipse dort das Licht an. Es blendet meine Augen und nach einer Weile der optischen Adaption sehe ich wieder klar und blicke ich auf eine hölzerne Falltür, die wohl einen Schacht verbirgt. Etwas in mir zieht sich eisig zusammen. Ein Raunen stöhnt durch das Fundament und scheint an der Falltür zu rütteln – ja, durch die Einwirkung von Wind und Zugluft sieht es fast so aus, als würde etwas aus dem darunter liegenden Schacht entweichen wollen. Dann sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich mich dem Phänomen Schritt für Schritt nähere. Nein, um Gottes Willen, nicht doch! Chaotisch tanzende Bildgebungen formieren sich schon schauderhaft in meinem Geiste und seltsame Geräuschkulissen umreißen mich jäh – ich wanke innerlich. Dieser Schacht? Auch er bleibt niemals gleich tief.

 

Ich weiß, er führt nach unten.

Und es wird zu ich.

 

 

Kartographierte Wegverläufe des Unteren:

 

1. Linear

2. Verschlungen (linear)

3. Rhizomatisch