Social Media: Aussteigen?

 

Seit meiner frühen Jugend bin ich in sozialen Netzwerken unterwegs. Angefangen mit Schüler- und StudiVZ über Piczo und ICQ. Später kamen dann Facebook, Google Plus, YouTube und Jimdo hinzu. Außerdem lockten mich die Anbieter ebay und Amazon, mit welchen die Kauferei so richtig losging. Den Kauf meines ersten Smartphones konnte ich auf wundersame Weise bis zum Ende meines Bachelorstudiums hinauszögern. Kannst du dir ein Leben ohne Smartphone vorstellen?

Mit dem Besitz des Smartphones kamen dann WhatsApp, Telegram, Dropbox, Twitter, DeviantArt, Flickr und Instagram hinzu. Bis dato reichte die SMS-Funktion – auf einmal war das anders. WhatsApp halte ich bis heute für reinen (und mir unverständlichen) Gruppenzwang – es gibt multifunktionale und vor allem vertrauenswürdigere Messenger. Ich persönlich bevorzuge Telegram.

 


Wie viele Likes bist du wert?

Die Zeit, die ich mit diesen Anwendungen verbracht habe und noch immer verbringe ist hoch. Mir persönlich zu hoch. Und nicht nur die Lebenszeit ist ein Preis, den wir alle für die weitgehend kostenlosen Apps und Programme bezahlen. Aber dazu später mehr. Ich finde es erstaunlich und auch erschreckend für wie selbstverständlich die sekundentaktschnelle Kommunikation über WhatsApp und Co. heute geworden ist. Alles wird geteilt, getextet, gepinnt oder sonst wie inszeniert und dem World Wide Web zur Verfügung gestellt. Ich mache auch mit und spüre Tag für Tag die Ernüchterung, die automatisch entsteht, wenn keine Rückmeldung, kein Like, kein Retweet, kein Kommentar erscheint. Wie wichtig sind dir Likes?

Seit einigen Monaten empfinde ich die Ernüchterung, die durch Social Media entsteht, als zu groß, zu belastend und zu erdrückend. Der ewige Wettstreit um Likes und Kommentare verhindert ganz automatisch, dass ich bei mir selbst bin und in die Ruhe und innere Gelassenheit komme, nach der ich schon so lange suche. Das Agieren in sozialen Netzwerken rückt den Fokus der Aufmerksamkeit nach außen: Was kann ich posten, was sieht gut aus, was generiert möglichst viele Likes, was zieht Follower an? Wann poste ich was, damit es möglichst viele, potentielle Follower sehen? Welche Hashtags verwende ich für meinen Content, damit er gesehen wird und in der Flut der Algorithmen nicht untergeht?

 


Die Herde zieht weiter – ziehst du mit?

Fragen über Fragen, die sich nur um eine große Frage drehen: Wie erhalte ich Bestätigung und Aufmerksamkeit? Das Bedürfnis nach Wertschätzung ist ein natürliches, menschliches Bedürfnis – wir sind soziale Wesen, Herdentiere gewissermaßen. Und dieses Bedürfnis nutzen Social Media für ihre eigenen, marktwirtschaftlichen Interessen aus. Wer nicht mitzieht, ist außen vor, nicht dazugehörig. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt auch hierbei eine große Rolle. Ein soziales Netzwerk zu verlassen heißt auch eine Herde zu verlassen, die scheinbaren Rückhalt geboten und mit Aufmerksamkeit und Bestätigung versorgt hat.

Viele soziale Netzwerke habe ich mit der Zeit wieder verlassen, weil die Herde weitergezogen ist – ich bin mitgezogen. Das änderte sich vor einigen Monaten, als ich entschied, Facebook zu verlassen. Das Gefühl, das ich dabei hatte, war ein mulmiges, unsicheres Gefühl – tat ich das Richtige oder würde ich jetzt sozial vereinsamen? Es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass sich gar nicht viel änderte. Im Gegenteil: Kein sinnloses Geklicke und Gescrolle mehr bei Facebook. Mit Facebook fing alles erst so richtig an. Ich begann, weitere soziale Netzwerke zu hinterfragen und vor allem begann ich damit, herauszufinden, weshalb sie mich so nachhaltig negativ beeinflussten.

 


Selbstinszenierung auf Instagram

Instagram ist für mich besonders ernüchternd. Jeder kann selbst entscheiden, was und wen er sich anschaut. Und natürlich in welchem zeitlichen Umfang. Aber ist das wirklich so? Inwieweit entscheidet sich ein Alkoholiker oder Raucher gegen seinen Suchtstoff, der griffbereit im Schrank oder in der Hosentasche verweilt? Social Media haben ein hohes Suchtpotential – wenn wir von Sucht sprechen, sprechen wir aber nicht mehr von reiner Willensstärke oder „Disziplin“, wie es gerne dargestellt wird. Der Dopamin-Mechanismus des eigenen Gehirns kann mit demselben nicht überlistet werden. Aus diesem Grund funktionieren zeitbegrenzende App-Einstellungen nur sehr bedingt bis gar nicht.

Was mir täglich auf Instagram begegnet sind perfekt inszenierte Leben perfekter und makelloser Menschen, die ihre „Makel“ höchstens deshalb inszenieren, um noch besser und authentischer bei ihren Followern anzukommen. Oftmals besteht der Feed solcher Instagrammer zu 99% aus Selbstportraits, die sich sowohl in Pose als auch im Aufbau stark ähneln. Ich frage mich: Zu welchem Zweck? Die Konfrontation mit stark bearbeiteten Fotografien löst etwas in uns aus. „Das ist doch bearbeitet, das weiß man doch.“ – Ja, ich weiß, dass derartige Fotos bearbeitet sind. Und doch erzeugen sie eine Illusion und Wunschvorstellung darüber, was ideal, schön und damit sozial erwünscht ist.

Sicherlich trifft dieses Erleben lange nicht auf alle Nutzer und Nutzerinnen sozialer Netzwerke zu – ich kann diesbezüglich nur von mir selbst berichten. Wenn man in der Lage ist, verantwortungsbewusst und reflektiert mit dem Content in sozialen Netzwerken umzugehen, spricht nichts gegen eine Nutzung. Auch ich bin mir über Wirkung und Ausmaß dieser sozialen Netzwerke bewusst, dennoch fällt es mir sehr schwer, mich emotional von den Inhalten abzugrenzen. Ich wähle daher den schrittweisen Ausstieg aus den sozialen Netzwerken.

 


Selbstliebe oder Doppelmoral?

Interessenbedingt habe ich viel Content zum Thema „Selbstliebe“ und Co. gesichtet und kenne die subliminalen Botschaften und Doppelmoralen, die Öl ins Feuer gießen, als gäbe es kein Morgen. „Du bist gut, wie du bist.“, sagt jemand, der mehrere Schönheits-OPs hinter sich hat und seine Bilder nur gefiltert und stark bearbeitet veröffentlicht. „Du musst nicht abnehmen, dein Körper ist gut wie er ist.“, sagt jemand, der täglich Fitness- und Low-Carb-Gerichte postet und selbst kein Gramm Fett am Körper trägt. „Lebe nachhaltig und natürlich, dann bist du gesund und glücklich.“, sagt jemand, der schon das nächste Hautpflegeprodukt in die Kamera hält und seine Followerschaft zum Konsum anregt. „Körperbehaarung ist natürlich, steh dazu!“, sagt jemand, der sich in stündlichen Sitzungen die Beinbehaarung per Laser dauerhaft wegbrennen lässt. „Geld macht dich nicht glücklich.“, sagt jemand der mit seinem Content monatlich fünf- bis sechsstellig verdient. „Hör nicht auf die anderen und mach dein eigenes Ding.“, sagt jemand, der normschön ist und sich stark an aktuelle Trends und Ideale anpasst, um zu gefallen.

Die Liste solcher Doppelmoralen ist lang und sie wird länger. Doppelmoralen zu erkennen ist nicht einfach, wie ich selbst täglich bemerke. Derartige widersprüchliche Aussagen sind einer der Gründe, wieso wir uns oft schlecht fühlen, obwohl uns jemand doch eigentlich etwas Positives vermittelt und uns zu mehr „Selbstliebe“ ermutigen möchte.

 

 

Was ist für dich echte Selbstliebe?

Wie stehst du zu Social Media – was gefällt dir, was stört dich?

 

 

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